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Life is too short for boring stories

„Und was soll daran besser sein, wenn man in einem bestimmten Land geboren wird? Da kann man ja nichts dafür?“, warf Raphael ein.

„Völlig richtig“, gab Lilith ihm Recht, „Aber es war auch so, dass es damals ganz viele arme Länder gab und ein paar reiche. Österreich war zum Beispiel eines der reichsten Länder der Welt. Deshalb haben auch viele Menschen aus den armen Ländern versucht nach Österreich zu kommen, weil es in ihren Ländern nicht nur Armut, sondern auch Krieg gab. Doch Österreich hat die Grenzen zugemacht. Das geht, wenn man ein Nationalstaat ist. Viele sind damals gestorben, verhungert, erfroren, ermordet worden, und die, die dafür verantwortlich waren, saßen trocken und satt im Warmen und sahen auch noch auf diese Menschen herab.“

„Was ist Krieg?“, wollte nun Magdalena wissen. Es war Lilith ganz selbstverständlich über die Lippen gekommen, dieses Wort, von dem sie eigentlich wissen musste, dass ihre Kinder damit nichts anfangen konnten, weil ohne Nationalstaaten auch keine Kriege mehr notwendig waren.

„Das ist, wenn Menschen aufeinander schießen, um mehr Macht zu bekommen oder mehr Land oder mehr Einfluss“, versuchte Adam zu erklären, und wenn er es so sagte, dann hörte sich das in seinen Ohren noch dümmer an, als es sowieso schon war.

„Das braucht doch niemand, wenn jeder seinen Teil bekommt, das was er braucht“, erklärte Magdalena geradeheraus, so dass Lilith unwillkürlich dachte, wie glücklich dieses Leben doch war, wenn man von Dingen wie Krieg und Nationalstaaten nur mehr aus Erzählungen erfährt.

„Was für ein glückliches Leben wir doch führen“, fasste Lilith ihre Überlegungen zusammen.

„Dabei war es wirklich verdammt knapp, damals“, ergänzte Adam.

„Was war knapp?“, wollte deshalb Magdalena wissen.

„Wir waren drauf und dran unseren Planeten zu zerstören“, meinte Adam, „Es wurde immer wärmer auf der Erde, unnatürlich warm, so dass die Polkappen anfingen zu schmelzen, immer mehr schreckliche Naturkatastrophen stellten sich ein. Hurrikans in Gebieten, wo sie zuvor nie vorgekommen waren. Immer mehr Tiere starben aus, weil sie sich nicht schnell genug anpassen konnten.“

„Und dann war der Umbruch?“, fragte Raphael.

„Ja, endlich, weil die Angst vor den Folgen endlich größer war als die, etwas zu ändern“, meinte Lilith, „Weißt Du, wenn man nie etwas anderes gesehen hat, dann meint man, es könne nur so gehen. Mehr noch, man glaubt sogar, dass es immer so war. Dabei kennen wir nur das, was wir in unserem kleinen Leben sehen. Und die Menschen hatten deshalb große Angst vor der Veränderung, weil sie nicht wussten, was danach käme. Da nimmt man lieber das Schlechte in Kauf, bevor man sich für etwas Gutes einsetzt, von dem man noch nicht einmal weiß, ob es wirklich funktioniert.“

„Das ist aber dumm“, erklärte Raphael gerade heraus, „Wenn man sämtliche relevante Informationen hat, dann kann doch gar nichts schief gehen.“

„Das siehst Du so“, meinte Adam nachdenklich, „Aber wer Angstmache und Hetze glaubt und nicht den Informationen, der fürchtet sich vor dem Neuen, weil ihm immer und immer wieder gesagt wurde, dass es nicht gut sei, so lange, bis man es glaubte. Aber irgendwann fällt so ein Kartenhaus aus Lügen zusammen, wenn nur genug Menschen nicht mehr bereit sind daran zu glauben.“

„Aber der Mensch ist doch vernünftig und rational“, ergänzte Raphael, der immer noch nicht verstand, wie man entgegen besseren Wissens und Gewissen handeln konnte.

„Das ist er, zumindest theoretisch“, gab ihm Adam recht, „Aber die Menschen damals waren weder rational noch vernünftig, sondern abergläubisch und verängstigt.“

„Aber was ist mit dem eigenen Denken, mit der eigenen Meinung?“, blieb Raphael hartnäckig, „Das ist allgemeingültig, dass jeder seine Meinung haben und sie auch aussprechen darf.“

„Ja, das stimmt“, stimmte Lilith zu, „Aber es war eine finstere Zeit. Die Menschen glaubten nur die Wahrheit, die sie vorgesetzt bekamen. Da brauchten sie nicht selbst zu denken. Und dann musst Du Dir vorstellen, dass sie ständig arbeiten mussten, um konsumieren zu können und dann mussten sie das Konsumierte auch noch verwenden und zumindest vor den anderen schützen, denn sie lebten auch in der ständigen Angst, dass ihnen jemand etwas wegnahm, vor allem die, die keine Arbeit hatten und kein Geld und nicht konsumieren konnten. Die meisten Menschen hatten keine Zeit und keine Energie für eine eigene Meinung. Da war es viel einfacher sich eine andere anzueignen. Vor allem, weil die Mehrheit das so tat. Und die Mehrheit hatte immer recht. Auch das glaubten sie.“

„Und was war mit denen, die eine eigene Meinung hatten und sie sich auch nicht wegnehmen ließen und sie anderen erzählten?“, fragte nun Magdalena.

„Lange gelang es, sie lächerlich zu machen, dafür zu sorgen, dass ihnen niemand zuhörte. Aber das Blatt wendete sich, gerade da, wo es schon fast zu spät war“, erklärte Lilith.

„Ich bin so froh, dass ich jetzt lebe“, erklärte Magdalena feierlich.

„Ich auch“, gab ihr ihr Bruder recht.“

„Na dann lasst uns mal zu Bett gehen“, meinte Lilith, „Morgen ist wieder ein wunderschöner Tag, der darauf wartet von uns gelebt zu werden.“

Einmütig, voller Dankbarkeit und Zuversicht gingen sie gemeinsam zu ihrem Haus. Es war gut da zu sein.

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