„Ich hatte 15 Jahre Zeit nachzudenken“, beginnt er, den Blick in die Ferne schweifen lassend, die wohl seinen Gedanken folgen, „Aber ich habe es nicht getan. Wie Du sagtest, ich war beschäftigt. Das war meine Ausrede. Immer war ich beschäftigt. Ich habe Euch verloren, Dich und Deinen Bruder und Eure Mutter, aber ich war nicht schuld, denn schließlich war alles, was ich tat, furchtbar wichtig. Weil ich überzeugt war, dass ich genau das Richtige tat, schob ich alles auf Euch und machte mit meinem Leben so weiter, wie bisher. 15 Jahre lang brachte ich es nicht fertig, meinen Teil daran zu sehen, geschweige denn zu akzeptieren. Es ist mir tatsächlich gelungen, all die Jahre. Und dann kam diese Corona-Geschichte, das Home-Office oder Zu-Hause-Büro, egal, jedenfalls genügten diese paar Wochen mir klar zu machen, was ich alles aufgegeben, verloren, was ich alles falsch gemacht hatte. Es ist spannend, wie gut es gelingt, sich selbst zu belügen, alles zu vergraben unter ständigem Tun und Ablenkungen, so dass man gar nicht merkt, dass man sein Leben einfach wegwirft, als hätte man mehrere davon. Und an diesem Tag, heute, wurde mir bewusst, dass es keinen Sinn mehr machte. Nichts von dem was ich tue, nichts von all den Beschäftigungen, die zu nichts anderem taugen, als mich vom Leben fernzuhalten. Leben aber ist Begegnung und Miteinander. Das habe ich jedoch ziehen lassen. Deshalb habe ich mir den Whiskey genommen und darin zwei Schachteln Schlaftabletten aufgelöst. Ich dachte, das müsste genügen, um mich umzubringen.“ Die Wahrheit liegt klar und offen vor ihnen. Nichts daran ist beschönigt oder verhalten. Es ist, wie es ist.
„Das bedeutet … das heißt …“, beginnt sie stotternd, als ihr die Tragweite ihres Tuns bewusst wird, „Wenn ich heute, wenn ich nicht jetzt gekommen wäre, dann hätte ich in einigen Tagen, eine Pate bekommen. Wenn ich mich nicht gerade jetzt entschlossen hätte zu kommen, ohne eigentlich zu wissen warum, dann hätte ich Dich für immer verloren, ohne dass eine Aussöhnung mehr möglich gewesen wäre?“
„So sieht es wohl aus“, gibt er zu, „Und als ich dann sah, dass Du das Glas austrinken wolltest, das für mich bestimmt war, da wurde mir schlagartig bewusst, wie viel Leben wir noch vor uns haben, dass ich meine Enkelkinder noch nie gesehen habe und mir nichts mehr wünschte und wünsche, als eine Beziehung zu Dir und ihnen aufzubauen. Noch nie in meinem Leben war ich mir dessen bewusst, wieviel Möglichkeiten es aufweist, jenseits des Müssens. Ich bin bereit für eine Begegnung, wenn ihr das wollt.“
„Natürlich wollen wir das“, entgegnet seine Tochter, „Ich bin so glücklich, dass ich auf meine innere Stimme gehört habe. Es hätte alles so anders kommen können. Es gibt eine zweite Chance, zumeist, aber man muss sie ergreifen, so lange es nicht zu spät ist.“ Worauf sie ein Treffen vereinbaren, am ersten Tag nach Corona, um ein Uhr. „Aber dass Du mir ja pünktlich bist“, sagt seine Tochter noch, bevor sie geht, zurück in ihr anderes Leben, an dem er keinen Anteil hat. Noch nicht.
Das Leben literarisch ergründen

Ungezähmt. Anleitung zum Widerstand


Der Weg ist das Ziel ist der Weg
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