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Life is too short for boring stories

Niemand war da und sie war alleine, doch in ihr lebten die Geschichten, sobald sie sie verstand. Es war auch die Zeit, in der sie sich schwor, dass sie, sollte sie einmal selber Kinder haben, ihnen vorlesen würde. Viele Jahre später erfüllte es sich. In ihren Armen lagen sie und hörten zu. Am Anfang waren es Bilderbücher, später Bücher ohne Bilder, bis hin zu langen Romanen. Jeden Abend las sie ihnen vor, auch noch, als sie schon selbst lesen konnten, weil sie es nicht missen wollten. Dass die Päadogog*innen dieses auch noch als positiv bezeichneten, bestätigte sie zwar, war aber letztlich nicht notwendig. Jede*r, die/der mit ihren/seinen Kindern in eine echte Begegnung tritt, braucht weder Ratgeber, noch Erziehungsexpert*innen, weil sie/er selbst weiß, was der Beziehung gut tut und was nicht. Erziehung ist es auf jeden Fall nicht. Deshalb warf sie alle dementsprechenden Ratgeber als unbrauchbar weg und vertiefte sich lieber mit ihren Kindern in die Geschichten von Pippi Langstrumpf, Madita und Ronja, den kleinen Prinzen und Michel von Lönneberga und vielen anderen. Es war eine wunderbare Zeit, eine der Verbundenheit und Geborgenheit. Es lässt sich nicht mehr nachholen, weder durch Qualitätszeit, noch durch das Verschieben auf ein Irgendwann.

„Später, wenn alles in Ordnung ist, dann habe ich Zeit für Euch“, wird den Kindern gesagt. Abgesehen davon, dass niemand weiß, was denn in Ordnung sein muss, klingt es nach einer eher dubiosen Ausrede. Nur, dass in diesem Später die Kinder sich längst daran gewöhnt haben, dass sich niemand für sie wirklich interessiert, zumindest die nicht, die es sollten. Dann leben sie ihr eigenes Leben und interessieren sich selbst nicht mehr für die, die sich zuvor um sie nicht geschert haben.

„Du kannst einen Moment nicht nachholen, der nur in eine bestimmte Zeit des Lebens passt“, sollten sie ihren Eltern sagen, „Ein Kind mit drei braucht Geborgenheit, Sicherheit. Das lässt sich nicht mehr nachholen, wenn es dreizehn ist.“ Sie sagen es nicht, weil sie es nicht können, dann, wenn es nötig wäre. Und wenn sie es auszudrücken vermögen, ist es bereits zu spät.

Es ist jedoch nie zu spät, sich Geborgenheit zu schenken, Verbundenheit zu spüren, in einem gemeinsamen Erleben. Hatte sie sich zunächst nicht vorstellen können, ihn immer um sich zu haben, war es bereits nach wenigen Jahren so, dass sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte. Heimlich, still und leise war er ihr unentbehrlich geworden. Durchatmen, ankommen, das war er für sie. Ein Ort des Bleibens und Verweilens, als wäre es niemals anders gewesen. Es war eine Art der Nähe, die sie sein ließ, hielt und offenhielt. Wie sie es noch nie erlebt hatte, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Vielleicht war es auch in dem Fall gut, Beziehungsratgeber erst gar nicht zu lesen. Sie sind genauso überflüssig, wie es Erziehungsratgeber sind, denn wie soll man ein Buch über etwas schreiben, dass so einmalig ist, um darüber hinaus noch zu behaupten, das Patentrezept für alle anderen Beziehungen gefunden zu haben. Wie kann ich ein Schema auf die Einmaligkeit pressen? Es erscheint ihr gänzlich unlogisch. Sie waren glücklich in diesem Miteinander, einfach weil sie darin und sich waren. Mehr war und ist nicht notwendig. So schläft sie und erwacht, wieder, an einem neuen Tag, am selben Ort, während sie sich in die Geborgenheit des letzten Abends findet.

Die Vögel zwitschern in den Bäumen. Die Sonne geht am Horizont auf. Sie dreht sich zu ihm um und findet ihn am Rücken liegend. Ganz still ist es um ihn, in ihm. Vorsichtig legt sie ihre Hand auf die seine und spürt, dass sie eiskalt ist. Es ist das, was sie befürchtet hatte. Er war in einen Schlaf gesunken, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Es war nicht unerwartet und doch spürt sie, dass es sie trifft, wie sie noch selten ein Ereignis getroffen hat.

„Immerhin, es hat sich erfüllt, dass Für-Immer, das Du Dir gewünscht hast, damals“, spricht sie in Gedanken zu ihm. Es ist egal, weil er sie nicht mehr hören kann. Was bleibt, das ist die Erinnerung, an Erlebtes und Erlesenes, an Vorlesen und Zuhören, an Sprechen und Schweigen, Erinnerung an ein intensives, zugewandtes Miteinander.

„Ich werde trotzdem nicht aufhören, Dir vorzulesen“, ist das Versprechen, das sie ihm gibt, bevor sie aufsteht und den Arzt anruft. Es ist Zeit.

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