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Life is too short for boring stories

Paul war ein guter Bub. So der Tenor der Tanten, deren Meinung ungemeines Gewicht hatte. Ebenso die der Großtanten. Es war eine Feststellung und ein Urteil. Denn Paul war und blieb ein guter Bub. So wuchs er heran, das Urteil mit sich tragend, bis er nicht mehr wuchs. Er hörte damit früher auf, als seine Freunde. Dann bekam er auch noch eine Brille. Damit war sein Schicksal besiegelt. Er wurde Buchhalter. Ein guter Bub eben, brav, zurückhaltend und bescheiden. Wie man es sich erwartet. Alle waren zufrieden, sodass Paul selbst auch meinte, er wäre zufrieden, wenn er frühmorgens, mit der obligatorischen Aktentasche unter dem Arm das Haus verließ und abends wieder heimkehrte. Wäre das alles gewesen, bräuchte man sich um Paul nicht weiters kümmern, denn sein Leben verlief ruhig und friktionsfrei. Nur war das noch nicht alles, denn Paul hatte eine geheime Leidenschaft. Die war so geheim, dass er selbst darauf vergaß, wenn er außer Haus war. Eine Outdoor-Amnesie sozusagen, aber sobald er in seinen vier Wänden war, fiel es ihm wieder ein und er frönte dieser Leidenschaft.

Pauls Leidenschaft waren Filme aus den 50er und 60er Jahren, alte Hollywood-Schinken, in denen Herren mit perfekt pomadisierter Frisur und tadellos sitzenden Anzug auftauchten und Damen mit ebenso straff sitzendem Haar, hübschen Kleidchen und Pumps. Des Abends warfen sie sich eine Stola um und ließen sich die Autotür von ihrem Galan öffnen, was schon deswegen notwendig war, weil sie mit der einen Hand die Stola, mit der anderen das Hütchen halten mussten. Wie sie es dann noch schafften ihr Kleidchen beim Hineinsetzen ordnungsgemäß zu drapieren, das fand er nie heraus. Das ließen die Filmemacher geflissentlich aus. Zusammengefasst lässt sich sagen, die Damen waren durchweg charmant und die Herren galant. Egal was sie machten, Krawatte und Hut saßen immer. Also saß Paul in seinem Wohnzimmer und sah sich diese Filme an. Nach ein paar Jahren der hingebungsvollen Ansehung konnte er sich getrost als Kenner bezeichnen.

Waren es zunächst unterschiedslos alle amerikanischen Filme aus diesen Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, und derer gab es einige, die er sich ansah, so kristallisierten sich mit der Zeit bestimmte Vorlieben heraus. Oder besser gesagt, eine Vorliebe, die für ohnmächtige Damen. Einmal wollte er es erleben, dass eine Frau, so begann er zu träumen, in seiner Gegenwart in Ohnmacht fiel, er sie galant auffangen und mit sich nehmen konnte. In seinem naiven Denken schien es ausgemachte Sache zu sein, dass er die Dame quasi als Preis gewinnen würde. Zu der Metapher vom Jagdgewinn wollte er sich nicht versteigen. Aber wie auch immer man es sehen wollte, die Gelegenheit wollte und wollte sich nicht einstellen. Deshalb haderte Paul eines Abends, nach getaner Filmschau, mit dem Schicksal. Warum nur geschah dies in Filmen andauernd, aber nicht in seinem Leben? Natürlich war ihm bewusst, dass der Film eben nicht das Leben war, aber viele Komponenten überlagerten sich doch. Der Hader hielt an, als er schlafen ging, während der Nachtruhe, bis er mit einem Erkenntnis-Heureka beim ersten Hahnenschrei, pardon Weckerklingeln, auffuhr. Er musste doch einfach dem Schicksal ein wenig nachhelfen. Deshalb machte der gute Bub einen Plan. Wenige Tage später stand er, also der Plan, und Paul konnte sich daran machen, ihn in die Tat umzusetzen. Es war ein simpler Plan, denn umso einfacher, desto weniger Schwachstellen ergaben sich, wie er auch aus der Buchhaltung wusste. Er benötigte nichts weiter, als einen Lieferwagen, ein Fläschchen Chloroform und ein Tuch. Was von Anfang an feststand, war das Ziel seines Anschlags, nämlich die Lisi aus der Personalabteilung. Jeden Morgen sah er sie, wie sie grazil über den Parkplatz trippelte und dieses des späten Nachmittags ebenso in gegengesetzter Richtung wiederholte, immer zur gleichen Zeit. Zuverlässig wie die Uhr war sie, die Lisi und dabei so grazil und anmutig. Kurzum eine Frau, von der er sich vorstellen konnte, dass sie durchaus dazu in der Lage war, gleichzeitig eine Stola und ein Hütchen zu halten und ihr Kleid ansehnlich zu drapieren.

So konnte man an einem Freitagnachmittag beobachten, wenn man denn aufmerksam war, was die wenigsten Menschen in der großen Stadt von behaupten konnten, dass ein Lieferwagen mit geschlossenen Heckscheiben in jener Straße hielt, die die Lisi auf ihrem Heimweg passierte. Paul hatte alles genau durchdacht. Es konnte eigentlich nichts schiefgehen.

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