Silvester ohne Feuerwerk

Silvester ohne Feuerwerk – Aktivismus

Balduin war zufrieden. Vor wenigen Wochen hatte er seinen 90 Geburtstag gefeiert und das bei bester Gesundheit, also abgesehen von dem einen oder anderen Zipperlein. Alle waren sie gekommen, seine fünf Kinder und neun Enkelkinder jeweils mit Partner*innen und seine fünf Urenkel. Es war großartig gewesen. Das Fest hatte sich bereits dem Ende entgegen geneigt, als sich Sebastian, sein jüngstes Enkelkind gerade mal 20 Jahre alt, zu ihm gesetzt hatte. „Opa, ich möchte gerne mir Dir reden“, hatte er gesagt.
„Sehr gerne. Was gibt es denn?“, hatte der Großvater entgegnet.
„Es geht um Silvester“, hatte Sebastian erklärt, „Ich würde mich freuen, wenn wir heuer kein Feuerwerk machen würden. Ich weiß, wir machen es jedes Jahr und ich will auch niemandem Vorschriften machen, aber es wäre schön, wenn Du Dir darüber Gedanken machen würdest.“ Balduin hatte es versprochen.

Und er hatte sein Versprechen gehalten. Nicht nur die Broschüre hatte er gelesen, die ihm Sebastian dagelassen hatte, sondern auch im Internet recherchiert. Dabei wurde ihm zum ersten Mal bewusst, welche Folgen sein Vergnügen nach sich zog, das er bisher für harmlos gehalten hatte. Nein, er hatte sich gar keine Gedanken gemacht. Es hatte unhinterfragt dazugehört. Und die Geschichten von Freund*innen, die an Silvester zu Hause blieben, um ihr Haustier zu besänftigen, hatte er höchstens belächelt. Doch die Wildtiere, die konnten sich nicht verstecken und keiner kümmerte sich um sie. Oder die Vögel, die die Orientierung verlieren. Die sog. Nutztiere in den Ställen, die auch niemand betreut und die sich ebenso fürchten. Masthühner, so erfuhr er jetzt, konnten sogar sterben, weil der Schock und die Angst zu Herzinfarkten führen. Aber das war noch immer nicht alles. Da waren auch noch die Menschen zu bedenken, die dies aus irgendeinem Grund, traumatisiert. Dazu kommen noch die Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten und in dieser Nacht all die Notfälle behandeln müssen, die es ohne diese privaten Feuerwerke nicht gäbe. Außerdem wird die Umwelt durch die Feinstaubbelastung in Mitleidenschaft gezogen. Ja, er hatte es nicht gewusst, doch jetzt waren ihm die Augen geöffnet worden. Er konnte nicht mehr so tun, als ob er unwissend wäre. Natürlich wäre es das Beste, darauf zu verzichten, doch was sollte man dann tun. Er fand es spannend, dass er nie über eine Alternative nachgedacht hatte. Dazu war es einfach zu selbstverständlich gewesen. Wie verbohrt doch ein Hirn sein kann, bloß, weil es bisher alternativlos schien. Er hatte gegrübelt, studiert, recherchiert, mit seiner Frau diskutiert und endlich hatte er einen Ausweg gefunden, von dem er überzeugt war, das könnte überzeugen.

So wie seinem Geburtstag, versammelte sich auch zu Silvester seine Familie in seinem Haus. Nach dem Essen wurde geplaudert und gespielt. Balduin hatte all die Gesellschaftsspiele hervorgeholt, die er bereist mit seinen Kindern gespielt hatte und die ganz offensichtlich nichts von ihrem Reiz verloren hatten. Groß und klein, alt und jung erfreuten sich daran. Langsam ging es auf Mitternacht zu und endlich fragte sein jüngstes Urenkelkind, die kleine Laura, die gerade acht geworden war, wann es denn das Feuerwerk gäbe. Balduin spürte, dass der Blick seines Sohnes Sebastian auf ihm ruhte und er genau beobachtete, was er machte.
„Laura, wir machen heuer etwas anderes“, erklärte Balduin dem Mädchen.
„Und was anderes?“, fragte Laura.
„Na komm, ich zeige es Dir“, meinte Balduin, woraufhin er sich an die anderen wandte und sie einlud, sich anzuziehen und ihm zu folgen. Draußen im Garten erhielt jede*r eine große Fackel. Gemeinsam machten sie eine Fackelwanderung und drappierten diese Lichter zuletzt so im Garten, dass sie einen Kreis bildeten, ohne Anfang und Ende, so wie die Liebe sein sollte und die Zuwendung, zu allen Kreaturen und das Verstehen, das man hat.

„Ich freue mich sehr, dass Du das so gelöst hast“, sagte Sebastian im Anschluss zu seinem Großvater und umarmte ihn.

„Es geht auch ganz ohne Leid und Schmerz und Lärm und Schmutz“, meinte Balduin zufrieden, denn es war trotzdem für alle eine tolle Feier gewesen.

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