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Life is too short for boring stories

Viele Steine hatte sie aus dem Korb genommen und im See versenkt. Immer noch bewegten die Wellen die Wasseroberfläche. Sie verfolgte diese bis wieder Ruhe eingekehrt war, auf der Wasseroberfläche und in ihr.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffen würde, und ich hätte es auch nicht schaffen können, weil ich es gar nicht gesehen habe, nicht sehen wollte. Doch jetzt ist es, als wäre in mir ein Damm gebrochen, an dem ich seit Jahren gebaut habe, gebrochen und das nun mehr ungezähmte Wasser bricht sich seine Bahn und spült allen Unrat, allen Schlamm und alle Verkrustungen weg, aus meinem Herzen, aus meinen Gedanken, aus meinen Taten und aus meinen Augen, so dass ich

sehe und gesehen werde,

teile und mich mitteile,

höre und gehört werde,

greife und ergriffen werde,

hüte und behütet werde,

kenne und erkannt werde und

nehme und wahrgenommen werde,

so dass ich in Wahrheit in Beziehung eintauchen kann, frei und ungezwungen, mir und mich vertrauend, weil ich Verantwortung für mich übernehme, und die Verantwortung, die den anderen gehört, den anderen lasse“, sagte sie bestimmt, laut und deutlich. Es klang neues, ungebrochenes Ja zum Leben und zu ihr selbst. Doch sie beließ es nicht dabei, sondern griff kühn und unbeirrt zum nächsten.

„Siehst Du diesen Stein hier? Es sind all die Regeln, die uns auferlegt werden. Natürlich gibt es viele, die notwendig sind um ein Zusammenleben überhaupt erst möglich zu machen, aber noch viel mehr davon habe ich mir aufladen lassen, nicht weil es explizit verlangt wurde, sondern weil ich im vorauseilenden Gehorsam darauf reagierte, auf all die Dinge, die man eben so macht oder die sich eben so gehören, unhinterfragt und scheinheilig. Man engagiert sich sozial, denn ein bisschen Zeit hat man doch immer noch übrig. Man bleibt stehen und lässt sich volllabern mit Dingen, die einen eh nicht interessieren, weil man zu höflich ist zu sagen, dass man das nun wirklich nicht hören will. Man lädt Menschen ein, die man im Grunde gar nicht mag und die einem nur die Zeit stehlen, weil man sich verpflichtet fühlt. Man liegt nicht am Vormittag unter der Woche auf der Couch und liest ein Buch, weil ein anständiger Mensch da zu arbeiten hat. Siehst Du wie viele von all diesen Steinen ich hier ins Wasser werfe?“, führte sie aus.

„Ja, ich sehe es“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Und hier, hier hast Du Deinen Bleistift wieder“, sagte sie energisch, und drückte mir einen kleinen Stein mit dieser Aufschrift in die Hand, und sie hatte recht, ich hatte ihn ihr fraglos gegeben, die Verantwortung für meinen Bleistift, die mir gehörte, nur mir. Nachdenklich kratzte ich mich am Ohr. Aber was war das? Der Bleistift! Hier hatte er sich also vor mir versteckt.

„Ich habe ihn gefunden, weil Du mir diese Aufgabe wiedergegeben hast“, sagte ich lächelnd, „Aber was ist mit all den Steinen, die hier noch liegen?“

„Die gehören mir, und die nehme ich auch gerne an, meine Verantwortung und meine Aufgaben“, antwortete sie. Nur diese legte sie in den Korb, und auch als sie diesen wieder am Rücken trug, blieb sie aufrecht.

„Du hast mir das Leben wiedergeschenkt“, sagte sie.

„Nein, das warst Du selbst, Du ganz allein“, widersprach ich, und ich sah sie gehen, groß, stark und aufrecht.

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