Eure Kriege

Eure Kriege | Daniela Noitz Bücher und Lesungen

Maria war 18, als sie heiratete. Miteinander haben sie sich eine bescheidene Wohnung leisten können. Beide arbeiteten in der Fabrik. Dort hatten sie sich kennengelernt und beschlossen, ihr Schicksal zu teilen. Maria schenkte drei Buben das Leben. Wohlgeraten sind sie, fleißig und hilfsbereit. Und als sie alt genug waren, wurden sie auch Väter. Maria Großmutter von sechs Enkelkindern. Drei Frauen, die ihre Söhne liebten und sie auch Mutter nannten. Dann kam der Krieg. Sie wurden eingezogen. Die Söhne und der Mann. Einer nach dem anderen gingen sie, um nie mehr zurückzukehren.

Maria und die drei Frauen, die ihre Söhne liebten, rückten noch enger zusammen. Sie waren sich Trost, in einer Zeit, in der es keinen Trost mehr zu geben schien. Dann war der Krieg vorbei. Es kam der Aufbau und alle, die keine Söhne, keine Väter, keine Männer verloren hatten, kehrten bald wieder zur Tagesordnung zurück. Allgemeine Zufriedenheit breitete sich aus, denn ganz gleich, wie der Krieg ausging, zu wessen Gunsten oder Ungunsten, es gibt immer Gewinner. Gewinner sind die Fabrikanten, die für den Krieg produzieren. Waffen und Ausrüstung und Konserven. Sie gewinnen immer. Die Eigentümer der Produktionsmittel, die die Arbeitskraft kaufen, von denen, die sonst nichts haben. Von Maria und ihrem Mann, ihren Söhnen, die Frauen der Söhne und später, wenn sie groß genug sind, die der Kinder ihrer Söhne.

Der Besitzer der Fabrik, in der Maria und ihr Mann, später ihre Söhne arbeiteten, hatte auch drei Söhne. Doch sie leben noch. So wie der Fabriksbesitzer. Sie wurden nicht in den Krieg geschickt, obwohl sie das richtige Alter hatten. Die Söhne, Väter und sie selbst mussten nie in den Krieg, die Besitzer, die Vermieter, die Spekulanten. Sie wären wichtig für das System, hieß es. Ohne sie ginge nichts, deshalb müsste man sie schützen, vor dem Tod. Doch der Pöbel? Es gab so viele von ihnen. Egal wie viele fielen, im Krieg, es würden immer noch genug da sein, um weiterzuarbeiten und den Reichtum derer zu vermehren, die nicht in den Krieg mussten.

Und es kam der Tag, da saß sie da, die Frau, die ihren Mann und ihre Söhne im Krieg verloren hatte, in einer kleinen Wohnung, mit einer kleinen Pension, mit der sie sich gerade das Notwendigste leisten konnte. Die Frauen ihrer Söhne, die Mütter ihrer Enkel, unterstützten sie so gut es ging, doch es ging nicht viel. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang fleißig war, stand sie am Ende vor dem Nichts.

Niemals war es ihr Krieg, niemals hatte sie ihn gewollt, auch nicht ihre Familie und all die anderen, die sie kannte, doch sie wurden in diesen gezwungen, von denen, die nichts dafür opfern mussten, sondern sogar daran verdienten. Niemals war es ihr Leben gewesen, sondern sie arbeitete, um genug zum Leben, zum Überleben zu haben, während die, die nichts arbeiteten, das große Geld kassierten, anhäuften und es vermehrten. Ihre Pension, die sie sich erarbeitet hatte, über all die Jahre, wurde so dargestellt, als würde sie eine Schmarotzerin sein. Allein dem Wohlwollen der Mächtigen habe sie es zu verdanken, dass sie sie bekam und nicht ihrem Fleiß, nicht dem Umstand, dass sie drei Söhne geboren hatte, die ihr Leben gaben. Deshalb hielten sie es für richtig, selbst diese niedrige Pension noch zu beschneiden. Nein, sie gaben ihr nicht weniger. So weit gingen sie nicht. Bloß gleich blieb sie, über all die Jahre, so dass es im Endeffekt weniger war.

An diesem Abend, an dem einen, kam ihr Enkel zu Besuch. Ein großer, strammer Bursche, der seinem Vater so ähnlich sah, dass Maria jedes Mal, wenn sie ihn sah, meinte, er wäre wieder da. Dieser junge Bursche, der auch in der Fabrik arbeitete, kümmerte sich um seine Großmutter. Er brachte ihr Brennholz. Und ab und zu Lebensmittel. So viel er vermochte. Dann kochte sie für sie beide und sie saßen zusammen, beim Essen. Es war ein kleines Glück in diesen schweren Zeiten. Plötzlich hielt Maria inne, legte den Löffel weg, sah ihren Enkel an und sagte: „Ich bin zu alt, aber Du, versprich mir, dass ihr nie wieder in einen dieser Kriege geht, von denen die feinen Herren profitieren und ihr das Kanonenfutter seid. Versprich mir, dass ihr das ändert.“

„Ich verspreche es“, meinte der Enkel. Dann aßen sie weiter. Er meinte es ernst. Wenn der Tag kam, dann wäre er bereit, er und viele andere.

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