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Life is too short for boring stories

Ruhig und leise bist Du, sanft und einfühlsam. So war mein erster Eindruck von Dir, und auch noch der zweite und viele weitere. Eine jener Frauen, die nur allzuleicht übersehen werden, nicht nur, in ihrer physischen Erscheinung, sondern auch in ihren Wünschen. Sie halten sich gerne im Hintergrund. Am besten noch abgeschirmt von einem Mann. Sicherheit und Geborgenheit, das ist es, was sie sich wünschen. Und es kann durchaus vorkommen, dass sie es auch bekommen.

„Du kannst Dir nicht vorstellen, wie zärtlich, einfühlsam und liebevoll er ist“, begannst Du zu schwärmen, als ich an diesem Nachmittag zu Besuch war, „Nebenbei, stört es Dich, wenn ich weiterbügle, aber wenn ich es jetzt nicht tue, dann werde ich nie fertig.“

„Nebenbei, es stört mich nicht“, erklärte ich sachlich, denn warum sollte es. Wir konnten ja trotzdem weiter plaudern. Nebenbei eben. „Zärtlich, einfühlsam und liebevoll, auch in der Öffentlichkeit?“, fragte ich weiter.

„In der Öffentlichkeit, nun ja, Du weißt, das geht nicht“, erklärtest Du ausweichend, „Er hat sich einen gewissen Ruf aufgebaut. Als Künstler ein offenes Buch, aber seine privaten Angelegenheiten, die umgibt der Nimbus des Geheimnisvollen. So soll es auch bleiben.“

„Du meinst, er hält sich alle Möglichkeiten offen, flirtet, holt sich andere Frauen ins Bett, weil es offiziell keine Informationen über seinen Beziehungsstatus gibt?“, blieb ich hartnäckig.

„Das hört sich jetzt so an, als würde er mich ständig betrügen, so im bürgerlichen Denken“, sagtest Du, als wäre es eingelernt, „Aber das Gegenteil ist der Fall. Er erzählt mir alles und fragt mich, ob es mir recht ist. Das ist, weil er es als Mann braucht.“

„Und Du machst das auch?“, fragte ich weiter, „Ich meine mit anderen Männern schlafen?“

„Nein, aber nicht, weil ich nicht dürfte“, meintest Du, „Sondern weil ich als Frau kein Bedürfnis danach habe. Er genügt mir voll und ganz.“

„Du meinst, es genügt Dir, immer die Frau im Hintergrund zu sein, die ihn von hinten und vorne bedient, ihr ganzes Leben darauf abstellt, was er gerade braucht, immer dabei zu sein, wenn er sich der Öffentlichkeit präsentiert, und dennoch nie wirklich in Erscheinung zu treten?“, führte ich den Gedanken fort.

„Auch das klingt ganz anders als es ist wenn Du es sagst“, erklärtest Du mir, „Es ist vielmehr so, dass er in seinem Schaffen jede Unterstützung braucht, die er kriegen kann. Außerdem ist es doch selbstverständlich, eigentlich, dass sich ein Kunstschaffender nicht um Banalitäten kümmern muss. Ich helfe ihm nur, dass er sich so gut es geht, auf seine Kunst konzentrieren kann. Alles andere nehme ich ihm ab. Das ist die erfüllendste Aufgabe, die ich je in meinem Leben hatte.“

„Und zu der Erfüllung gehört auch, dass Du wegen jeder Kleinigkeit, aus heiterem Himmel angeschrien wirst, auch in aller Öffentlichkeit, ohne Rücksicht auf Verluste?“, insistierte ich.

„Du siehst alles völlig falsch. Ich mache nun mal dumme Fehler, und wie soll er mich sonst darauf hinweisen? Dann habe ich es mir verdient, denn durch meine Inkompetenz, zwinge ich ihn dazu, sich von den wichtigen Dingen, seinen wichtigen Dingen, abzuwenden“, sagtest Du, „Auch wenn ich immer schon denke, wie könnte er es wollen, wie könnte es ihm gefallen. Deshalb werde ich auch immer besser. Und seine Wutanfälle seltener. Außerdem muss man das verstehen, er ist schließlich Künstler, und Künstler haben nun mal ihre Eigenheiten. Das macht doch ihr Künstler-Sein aus.“

„Klar, jemand der empathisch und zugewandt mit Menschen umgeht, kann demnach kein Künstler sein?“, versuchte ich zusammen zu fassen.

„Das stimmt nicht. Er ist doch empathisch und zugewandt, nur nicht, wenn man ihn aus seiner Konzentration reißt. Und dann hat er so viel um die Ohren, so viel zu denken, bedenken, überblicken. Da wäre es das Mindeste, dass rund um ihn, alles perfekt ist“, meintest Du abwehrend.

„Wo ist der große Künstler eigentlich jetzt?“, fragte ich, und versuchte, die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen, „Künstlert er?“

„Ich denke, er ist am See“, meintest Du beiläufig, „Mit einer Frau.“

„Sag einmal, bügelst Du eigentlich seine Hemden?“, wollte ich nun wissen, weil ich endlich den Berg Bügelwäsche näher in Augenschein nahm.

„Natürlich, das kann man ihm nicht zumuten“, sagtest Du voll Überzeugung.

„Das heißt, der gnädige Herr treibt sich herum, mit anderen Frauen, während Du zu Hause bist und seine Hemden bügelst?“, fasste ich zusammen.

„Ja, er braucht schließlich auch mal eine Auszeit“, erwidertest Du, „Ich weiß jetzt auch, was mit Dir los ist. Du bist neidisch. Ich habe jemanden, den ich liebe und der mich liebt, und Du hast das nicht.“

„Wenn sich Liebe in Ausbeutung und Unterdrückung äußert, dann habe ich das tatsächlich nicht und brauche es auch nicht. Denn Liebe, die verlangt, dass ich meine Würde und Selbstachtung über Bord werfe, kann keine sein.“

„Aber er ist alles, was ich habe. Ohne ihn bin ich verloren“, sagtest Du leise, während Dir die Tränen über die Wangen flossen und ich Dich in den Arm nahm. Eigentlich hätte ich sagen können, dass alles Nichts besser wäre als das, aber ich unterließ es. Du musstest selbst draufkommen.

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