„Weißt Du was, wir lassen die Haustüre offen und gehen in die Küche“, schlug Lea vor, „Vielleicht geht sie hinaus.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, schlug das Mädchen den Weg in die Küche ein und setzte sich an den Tisch. Leo schenkte beiden Kaffee ein und nahm dann gegenüber von ihr Platz, den Blick aufmerksam auf sie gerichtet.
„Ein paar Häuser weiter wohnt eine Familie, die – wie sage ich das am besten – ein wenig … Na ja, such Dir selber ein Adjektiv aus, wenn ich es Dir erzählt habe. Jedenfalls in diesem Haus, das immer mehr verfällt, wohnen acht Menschen, ein Paar mit seinen sechs Kindern. Die Eltern arbeiten schon seit vielen Jahren nicht und sind dem Alkohol sehr zugetan, während die Kinder eben auch da sind. Es scheint viel Gewalt zu geben, auch wenn die Mitarbeiter des Jugendamtes immer unverrichteter Dinge wieder abziehen. Schließlich sind die Kinder in einer Familie. Jedenfalls hatten die Burschen, vier von den sechs, eines Tages die grandiose Idee, einen Welpen zu ihrem Spielzeug zu erklären.“
„Lass mich raten, das war Mala?“, unterbrach Leo die Erzählung.
„Genau“, bestätigte Lea, „Du kannst Dir nicht vorstellen, was sie der kleinen Maus alles zugemutet haben. So haben sie sie zu ihrem Fußball erklärt und sie einfach in die Kälte gesetzt in einen Käfig. Es grenzt sowieso an ein Wunder, dass sie das überlebt hat. Jedenfalls hörte Dein Onkel eines Tages ein klägliches Winseln. Da saß sie im strömenden Regen in dem Käfig. Er fackelte nicht lange und holte sie heraus, um sie mit nach Hause zu nehmen. Dieses kleine, verängstigte Bündel, das er brachte. Mit viel Geduld und Mühe wurde sie ganz gesund, doch das Vertrauen zu Menschen war dahin. Die einzigen Ausnahme war Dein Onkel. Da waren viele Ängste die blieben, wie vor lauten Geräuschen, aber so lange Ladislaus da war, war es gut. Sie war immer und überall an seiner Seite. Es war schön zu sehen, wie sie heranwuchs und so selbstsicher wurde, wie man es erwarten konnte. Nun ist Dein Onkel gestorben und sie muss sich schrecklich verlassen fühlen.“
„Das war also gemeint mit der Klausel, dass ich mich um alles kümmern solle, was in Haus und Garten wohnt“, fiel es Leo endlich wie Schuppen von den Augen, „Ich werde es erfüllen, mich um sie kümmern und alles tun, dass sie auch zu mir Vertrauen fasst“, erklärte der Erbe, „Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach all den Jahren des Schweigens.“
„Ich werde Dich unterstützen, so gut ich kann“, bot Lea an, was Leo gerne annahm, als sie plötzlich innehielten und lauschten. Eindeutig, das waren Hundepfoten, die sich über den Parkett bewegten. Mara hatte es gewagt und war in den Garten gegangen. Wenige Minuten später kehrte sie zurück und legte sich wieder an ihren Platz.
„Das schaffen wir“, sagte Leo lächelnd und sein Gegenüber nickte zustimmend. Es war ein Anfang.
Dennoch musste Leo noch viel Geduld aufbringen. Doch es zahlte sich aus, denn einige Monate später fand Lea Leo und Mala im Garten vor. Während die Hündin den Garten inspizierte, kümmerte sich Leo um den Gemüsegarten. Lea trat an ihn heran und half mit aller Selbstverständlichkeit mit.
„Hallo Lea“, sagte Leo, „Ich freue mich, dass Du da bist. Ich habe gute Neuigkeiten.“
„Erzähl“, forderte Lea.
„Ich habe heute meinen ersten Auftrag bekommen, einen naturnahen Garen anzulegen“, erwiderte Leo fröhlich, „Mala hat mir geholfen zu erkennen, warum ich in der Firma, in der ich gearbeitet hatte, so unglücklich war. Da wurden konventionelle Gärten gemacht, Du weißt schon, solche, in denen alles pipifein aussieht, aber letztlich kein Leben sein kann. Ich will Gärten mit Vielfalt, Heimat für Schmetterlinge, Bienen, Insekten und Vögel. Es gibt offenbar Menschen, denen das auch ein Anliegen ist und morgen beginne ich.“
„Das ist großartig“, erklärte Lea ernst. Mara kam zu ihr herüber und setzte sich zu ihr. Und Leo dachte, dass es das Beste war, was ihm passieren konnte, in aller Schlichtheit. Hatte er vor wenigen Monaten noch geglaubt, sein Leben wäre vorbei, so war es ihm jetzt, als hätte es gerade erst begonnen.


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