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Life is too short for boring stories

In einer Zeit wie dieser, des voll aufblühenden Faschismus, den wir über die Jahre sorgfältig gehegt und gepflegt haben und an dessen Früchten wir uns jetzt erfreuen dürfen, des sich immer mehr ausbreitenden Überwachungs- und Disziplinierungsstaates, in dem so getan wird, als hätte es die 68er Bewegung niemals gegeben, in der man wieder brav Danke und Bitte Herr Inspektor sagt, wenn man aus einem fadenscheinigen Grund, zum Beispiel wegen schief oder links Schauens, kontrolliert wird, weil ja ein*e brave*r Bürger*in nichts zu verbergen hat, ist es doch opportun einen Seelen- und Lebensstripease vor dem exekutierenden Organ abzulegen, weil das muss man und verpflichtet ist man auch dazu, in diesen Zeiten des der politischen Reaktion und Obsession, zieht man sich doch gerne, in gut biedermeierlicher Manier, in  die Salons zurück, der Kunst und Kultur zu frönen. Und sei es nur um einmal durchzuatmen.

Nun sind die Salons, trotz der kleinbürgerlichsten Attitüden, schmal gesät, zumindest in unseren Breiten. An dessen Stelle erblühen die Kunst- und Kulturdarbietungen anderen Orts. Cafés und Bars, Galerien und Bibliotheken haben das Potential einer solchen Darbietung erkannt und wollen sie ihren Gästen nicht vorenthalten. Das führt, wie immer in einer Gesellschaft, die noch immer den Glaubensgrundsatz des obsessiven Wachstums in der Ökonomie bis ins Mark verinnerlicht hat, zu einem ungeheurem Wildwuchs an derlei Veranstaltungen. Gerade in der großen Stadt kann man fast an jedem Abend des Jahres mehrere derer besuchen. Man könnte zumindest, doch tatsächlich anwesend sein, das ist nur bei einer möglich, da sie auch noch die Angewohnheit haben ungefähr um dieselbe Zeit zu beginnen. Um 19.00 Uhr herum ist ein guter Tipp. Und auch dieser Tipp wurde weitestgehend angenommen. Man steht also vor der Qual der Wahl, die sich nur allzu oft als die Wahl der Qual herausstellt, so zumindest meine Erfahrung. Aber wer wird sich schon von Erfahrung beirren lassen. Jedes Einlassen auf eine*n neue*n Autor*in ist für mich ein unvoreingenommenes. Unschuldig wie ein kleines Kind gehe ich hin, um mich immer wieder aufs Neue enttäuscht zu sehen. Und dennoch bin ich bereit mir zu sagen, ja, das war nichts, aber was können all die anderen dafür, die für diesen einen Reinfall büßen müssen. Es könnte noch was Besseres nachkommen. Eigentlich kann nur was Besseres nachkommen, möchte man fast sagen, um dann festzustellen, es geht noch schlimmer. Vieles habe ich bereits durchlebt und durchlitten. Würde ich an die Sünde glauben, müsste es jetzt eigentlich ein Ende haben, denn so viele Sünden kann man gar nicht aufhäufen, wie man an diesen Abenden abbüßt. Es kann natürlich auch daran liegen – ich habe es in Erwägung gezogen -, dass ich einfach zu hohe Erwartungen hege gegenüber jenen,  die sich als Künstler*innen titulieren.

So liegt mir daran, wenn eine Geschichte, so weit sie sich natürlich ausgewiesener Weise außerhalb des dadaistisch-experimentellen Dunstkreises bewegt, was auf mindestens 101% der Geschichten zutrifft, weil die Damen und Herren keinen Wert auch nur auf die geringsten Vorkenntnisse in Sachen Literatur legen und sie dementsprechend Dada womöglich für ein Waschmittel halten und das einzige Experiment in ihrem Leben der morgendliche Stuhlgang ist, der dann auch ausführlich besprochen wird, neben anderen Körpertätigkeiten. Dagegen hätte ich auch nichts einzuwenden, wäre es nur in einen stringenten Handlungsstrang eingebunden. Doch so werden nichtige Zwischenfälle zu Lebensdramen hochstilisiert, kaputte Kaffeehäferl und verloren gegangene Zetteln und ähnliche völlig uninteressante Vorkommnisse aufgeschrieben und zum Besten gegeben. Wenn man nur, so die Meinung, genug davon auf geduldiges, unschuldiges Papier schreibt, werden schon irgendwann genug Seiten zusammenkommen, dass man sie in einem Umschlag packt und Roman draufschreiben kann. Man nimmt es hin, weil eben Geschmäcker verschieden sind und sich sicher genügend Menschen finden, die Freude sowohl an der grenzenlosen Seichtheit des Geschehens haben, weil es sie an ihr eigenes Leben erinnert, und wenn es dann noch in einem Roman steht, wie es sich nennt, dann muss es doch eine Berechtigung haben, als auch die fehlende Handlung nicht vermissen, weil die Aufmerksamkeitsspanne der geneigten Zuhörer*innen dieses Spektrums nicht weiter reicht als bis zum Ende des übernächsten Atemzuges. Man nimmt es hin, dass man von den Mitgliedern der schreibenden Zunft darüber aufgeklärt wird, dass die Sprache beim Schreiben eine untergeordnete Rolle spielt, weil auch die Leser*innen in vielen Fällen mit mehr Sprachgefühl überfordert wären. Man nimmt es hin. Ich nehme es hin. Aber dann erwarte ich mir, dass auch hingenommen wird, wenn ich diese Auftritte fürderhin meide und es mir wohl sein lasse mit einem Böll oder Kafka, Hesse oder Heine und wie sie alle heißen mögen, denn ich schätze Romane, die eine stringente Handlung vorzuweisen haben, ebenso wie eine innige Verbundenheit und Achtung vor der deutschen Sprache.

2 Gedanken zu “Am äußersten Ende der Erträglichkeit

  1. oma99 sagt:

    okay, überzeugt… ich werde definitiv nie, NIE einen Roman schreiben und keine Autobiografie. Und wenn ich noch weiter gefühlte 2000 Male darauf angesprochen werde, es bleibt dabei.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Dabei wäre ich gerade bei Dir überzeugt davon, dass das voll spannend und sehr lesenswert wäre. Aber vielleicht mach ma was miteinander.

      Liken

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