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Life is too short for boring stories

Seit einiger Zeit geht mir der gute Martin, Martin Heidegger, seines Zeichens Philosoph, nicht aus dem Kopf. Obwohl Nietzsche meinte, kein guter Philosoph wäre verheiratet, nannte er sich so. Dem gestrengen Auge des Gott-ist-tod-Philosophen hätte er wohl nicht standgehalten, obzwar auch manche behaupten, Nietzsche, also Friedrich Wilhelm Nietzsche, wäre kein Philosoph gewesen, aber damit halten wir uns jetzt nicht auf, ist auch völlig wurscht was auf seiner Visitenkarte steht – brauchen tun sie beide keine mehr. Heideggers Hauptwerk nennt sich Sein und Zeit und damit sind wir bei einem gewichtigen Teil der Philosophie, nicht nur weil sie mir schwer im Magen liegt, weil sie eine der wenigen Prüfungen war, bei denen ich durchfiel, sondern weil sie solch einen fundamentalen Stellenwert einnimmt, die Ontologie, die Lehre vom Sein. Ständig denken Philosophen über das Sein nach – Und deshalb die Hauptfrage:

„Warum ist überhaupt Sein und nicht viel mehr Nichts?“

Ich sehe, es haben alle schon bemerkt, diese Frage ist durch und durch unwissenschaftlich. Wer sagt mir denn, dass das Sein überhaupt ist? Solch eine Schluddrigkeit, unglaublich, grob fahrlässig – so viel unbewiesene Behauptungen in einem Satz, aber wir wollen mal großzügig darüber hinwegsehen und uns dem Hauptpunkt zuwenden.

Es ist Sein – und nicht Nichts.

Das Sein ist demnach das brave und gute und vorbildhafte. Und das Nichts eben auch erwähnt, aber irgendwie etwas, das man loshaben möchte. Das ist, als würde man die Türe öffnen. Es ist eine stürmische kalte Winternacht. Vor der Türe sitzen, halberfroren, zitternd und zum Herz erweichen leidend ein kleiner Welpe – und neben ihm eine Kakerlake. Beide leiden, aber nur einen werden wir retten, wenn wir die Kakerlake nicht gleich zertreten, muss sie draußen bleiben. Dabei kann weder der Welpe was dafür, dass er am Welpen-Sein teilhat, wie die Kakerlake an ihrem Kakerlake-Sein, beide sind sie dem allumfassenden Sein als Seiendes entwachsen. Und dennoch nennen wir das eine süß und das andere abscheulich. Das Sein, das wir wie einen süßen Welpen in die Arme schließen, und das Nichts, das wir zertreten, im besten Fall ignorieren. Dabei können sie nichts dafür.

Heidegger jedoch, Martin Heidegger, nahm beide, den Welpen und die Kakerlake, pflegte und hegte sie und stellte sie gleich. Und zwar durch ein einziges, kleines Geschenk, das nur eine Kakerlake zu würdigen weiß, wahrscheinlich, oder all jene, die vom Schicksal ebenso geschlagen sind wie Kakerlaken, also im Auge des menschlichen Betrachters.

Heidegger sagte: „Das Nichts nichtet.“ Das heißt, er schenkte dem armen kleinen Nichts ein Verb, und jetzt kann es in allen Zeiten einer Tätigkeit, einer Nichts-angemessenen Tätigkeit nachgehen. Hurtig und fröhlich und wohlgemut, vielleicht sogar vor sich hinsingend, kann es tun, nämlich nichten. Jetzt kann es nichten. Es kann gestern genichtet haben. Wenn Freunde auf Besuch kommen, und es fragen, was hast Du gestern gemacht? Kann es jetzt sagen, ich habe genichtet, aber so was von, und morgen, ja da werde ich nichten. Und wenn es krank wird, kann es sagen, ich würde nichten oder – mit ein wenig Wehmut – vor Heidegger, hätte ich nicht nichten können, weil ich davon nichts wusste.

So hat nun auch das Nichts ein eigenes Verb. Und ob Heidegger die Kakerlake hegte und pflegte, weiß ich nicht, aber er kannte keinen Unterschied zwischen Welpen und Kakerlaken.

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