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Life is too short for boring stories

Längst haben die Bäume ihre Blätter abgeworfen. Herbstlich kalte Winde wirbeln sie durcheinander. Kurze Atempausen nur vom Aufgescheucht-werden. Man kann nicht einfach herabfallen und liegen bleiben, nicht einmal als Blatt. Eines lässt sich zu meinen Füßen nieder, oder wird niedergelassen. Ein kurzes Verweilen bis die nächste Böe es erfasst und fortweht, wer weiß wohin. Ich nehme meine klammen Finger aus der Jackentasche, bücke mich und hebe es auf. Es fühlt sich spröde und rau an. Bald wird es verwest sein. Doch in meiner Hand wird es wieder grün, als würde es noch dem Ast verbunden sein, aus dem es wuchs. Wie viel Energie der Baum doch in dieses Blatt investiert hatte, als es knospte, sich entfaltete und im Sommer im satten, tiefen Grün erstrahlte. Nichts mehr ist da. Nur in meiner Hand. Als würde es den Traum vom Sommer noch einmal träumen, mitten im Herbst.

Längst habe ich meine Illusionen hinter mir gelassen. Herbstliche Realität des Unabwendbaren, fast abgeklärt, fast realistisch. Ab und an durchbrochen vom sanften Wind der Euphorie. Stürme gehören in den Sommer. Nicht in den Herbst. Es ist leicht die Träume abzuschütteln, in dieser Jahreszeit, wie die Blätter vom Baum. Die Versorgung ist längst gekappt. Ein Hauch genügt, und sie fallen zu Boden. Weil es unabwendbar ist, habe ich beschlossen, dass es mir nichts ausmacht. Doch was scheren sich Träume um die Unabwendbarkeit. Ich nehme die Hand aus der Jackentasche und greife nach einem von ihnen, den mir der Wind direkt vor die Füße geweht hatte. Dabei dachte ich, es wäre nicht mehr möglich anzunehmen. Nicht einmal was direkt vor meinen Füßen liegt. Die klammen Finger könnten es nicht leisten. Aber sie sind warm und beweglich, nach wie vor. Er kehrt zurück an den Platz, den er schon immer hatte, von dem ich ihn vertrieb. Doch Träume haben etwas Unbestechliches. Sie kennen die Gegebenheiten, und pfeifen darauf. Mit ihm kehrt der Sommer zurück, den ich bereits abgehakt hatte. Verwirrende Unbestimmtheit mitten in der Gewissheit. Auch der seiner Unmöglichkeit. Ein Sommertraum mitten im Herbst.

 

Längst habe ich mich damit abgefunden, dass man am Ende nicht mehr Anfang spielen darf, sondern dass man sich in die Unumkehrbarkeit der Zeit zu fügen hat. Alles andere ist unzweckmäßig. Bald schon wird der Winter kommen. Es geht immer vorwärts. Nur eine Ahnung vom Sommer, der längst vorüber ist, bleibt. Ich hatte jedoch übersehen, dass er weiterlebt, und wenn es nur eine Ahnung ist, in all den Blättern, die am Boden liegen. Auch wenn sie nicht mehr grün und saftig sind, so tragen sie es in sich. Und wenn ich es berühre, dieses eine, das sich mir aufzwingt, dann kehrt der Sommer wieder und mit ihm der Traum, der in den Sommer gehört. Er hat im Herbst der Vernunft keine Berechtigung mehr. Doch der Traum schert sich nicht um Berechtigung. Schon gar nicht um Vernunft. Er ist was er ist, beinahe wie die Liebe. Auch noch im Herbst, in den er nicht gehört. Nicht weil er die Gegebenheiten leugnet, sondern weil er sich einfach nicht darum schert. Sich selbst genügend, als gäbe es nichts selbstverständlicheres als einen Sommertraum mitten im Herbst.

 

Mit einem Mal lasse ich all das, was ich längst habe, hinter mir, lasse mich ein. Vielleicht auch, weil ich keine Wahl habe, ein Stück weit, denn der Traum hat sich wieder verbunden, einfach so, tankt Kraft und Frische. Nicht, weil er die Zeit umkehren kann oder die Entwicklung, die fortwirkt, geleugnet wurde. Es ist viel einfacher. Lächerlich einfach. Den Sommer in den Herbst zu bringen, wie eine Insel im Ozean des scheinbar Unabänderlichen. Es ist möglich. Wieder Anfang zu spielen. Nein, nicht nur zu spielen, zu sein. Das Leben mit jener Intensität neu auflodern zu spüren, das Feuer, das schon verloschen schien, und auch das Vertrauen, dass es gut sein kann. Wieder gut sein kann. Denn letztlich ist keine Erfahrung, keine Begegnung wie die andere. Und Du bist der Sommertraum mitten im Herbst.

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