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Life is too short for boring stories

Die Kleinen hatten die ganze Nacht friedlich durchgeschlafen. Offenbar hatte sie der Ausflug in die Welt vor der Türe erschöpft. Was es da alles zu entdecken gab. Ja, alles, denn sie traten hinaus wie jemand, der die Welt zum ersten Mal sieht, vor allem wohl, weil es auch das erste Mal war. Es gab nichts, was uninteressant gewesen wäre. Alles wurde einer genauen Untersuchung, vorwiegend mit der Nase, unterzogen. Da wurde keine Abstufung gemacht, nicht zwischen Wichtig oder Unwichtig, Besser oder Schlechter unterschieden. Pure Egalität im Entdecken, so wie im Leben. Wie schnell verliert sich das. Als da plötzlich und völlig unvorhergesehen eine Maus in der Wiese saß. Joy, der Draufgänger unter den Geschwistern, hatte sie zwar nicht als erster entdeckt, war jedoch derjenige, der sich ihr näherte. Langsam wohl, aber doch entschlossen schien er. Die Maus, die offenbar wusste, dass ihr von den kleinen, tapsigen, unsicheren Knäueln, keine Gefahr drohte, saß ruhig in der Wiese, das Näschen riechend emporgereckt, während sich die Hundeschnauze in eben jener Weise näherte. Und dann stupsten sie einander an. Nase an Nase. Ohne Scheu. Ohne Angst. Mit aller Selbstverständlichkeit.

„Nicht-menschliche Tiere kennen keinen Speziesismus“, stellte ich fest, nachdem wir unseren kleinen Ausflug an diesem Tag beendet hatten und die Kleinen wieder intensiv bei der Mama tranken. So ein Ausflug machte verdammt hungrig.

„Und auch keinen Rassismus“, meinte Jesus, „Das ist etwas, was der Mensch sich ausgedacht hat. Dabei ist gerade die Differenziertheit das Tolle. Viele Farben bereichern das Leben. Eigentlich, so sollte man meinen, macht das Andere neugierig. Man geht darauf zu und will es kennenlernen, sich damit auseinandersetzen, um letztendlich eines zu lernen, dass nämlich kein Unterschied besteht. Im Grunde streben alle Menschen dasselbe an, ein glückliches Leben inmitten derer, die ihnen nahestehen. Darin sind sich alle gleich. Aber nein, was machen sie stattdessen? Sie müssen Hierarchien einführen, müssen etwas finden, was besser und etwas, was schlechter ist, statt sich nebeneinander zu stellen. Weiß ist besser als alle anderen Hautfarben. Und worauf gründet sich dieses Besser-sein? Rein auf die geschichtliche Entwicklung. Nicht, weil die Weißen intelligenter wären oder sonst einen Vorzug hatten, außer den, offenbar besser bewaffnet zu sein und die anderen unterwerfen zu können. Eigentlich ist die Geschichte des sog. „weißen Mannes“ eine einzige lange Blutspur, eine Geschichte des Mordes, des Terrors und der Unterdrückung. Und er machte nicht einmal innerhalb der eigenen „Rasse“ einen Unterschied, sondern selbst da musste sich die Klassifizierung fortsetzen. Männer sind höherwertig als Frauen. Es war unendlich lange in den Köpfen und dringt immer wieder durch. Kehrt zurück, vor allem in konservativen Kreisen. Frauen sollen stricken und die Kinder hüten und kochen, während der Mann sich den Unbilden des Lebens stellt und eine fürsorgliche Hand erwartet, wenn er nach Hause kommt. Wäre es nicht so grotesk, könnte man glatt darüber lachen. Aber letztendlich ist es todernst. Wo behauptet wird, dass eine Vergewaltigung Gottes Wille ist, wo die Frau dafür auch noch bestraft wird, da ist kein Platz mehr für wohlwollende Interpretationen. Das ist einfach nur brutal und unmenschlich.“

„Nein, es ist nicht unmenschlich“, korrigierte Maria ihn, „Es ist zutiefst menschlich, nach all den Erfahrungen, die wir über die Jahrtausende gesammelt haben, dass der Mensch grausam und brutal ist. Gegen andere Lebewesen besonders, gegen seine Mitgeschöpfe. Er kann sich noch so sehr hinter hehren Moralgebäuden verstecken, sich in dem Diskurs darüber erschöpfen, es ändert doch nichts an seinen Taten, und daran soll man ihn schließlich messen.“

„Und wenn die Einteilung der Menschen in verschiedene Rassen nicht schon der Perversion genug gewesen wäre, musste er noch etwas anderes erfinden, um noch mehr abgrenzen zu können, den Nationalstaat“, warf ich ein, „Ein Stück Land, das durch irgendwelche dubiosen Machenschaften zum Hoheitsgebiet wurde, wird durch eine Linie auf der Karte umrahmt. In die Mitte steckt man ein Fähnchen und gibt diesem Stück Land einen Namen, z.B. Irland. Und die Menschen, die darin wohnen, die bekommen auch eigene Namen. In dem Fall die Iren. Und wenn sie aus ihrem Land hinaus- und in ein anderes fahren, dann sind sie dort keine Bürger, sondern nur Besucher. Dann berufen sich die Menschen in diesem Land auf ihre Geschichte und versuchen damit zu erklären warum es so wichtig ist dieses eine Stück Land vor allen anderen zu schützen. Sie schreiben sich selbst gewisse Eigenschaften zu, die wiederum nur der Abgrenzung dienen sollen. Damit wird sichergestellt, dass keiner in das Land hereinkommt, der nicht hereinkommen soll. Die man nicht haben will. Man beruft sich auf Nationalstaatlichkeit und deren Souveränität, auf die Zugehörigkeit und die Angepasstheit. Mehr noch, man ist stolz darauf, z.B. Ire zu sein oder Deutscher oder Österreicher. Manche gehen sogar so weit, es sich als Verdienst anzurechnen, in einem bestimmten Land geboren worden zu sein. Dabei ist es nichts als Zufall. Wenn die Menschen in Afrika sich ein bisschen mehr angestrengt hätten, so heißt es, wären sie in Europa oder zumindest in China auf die Welt gekommen, vielleicht sogar in den USA. Aber selbst schuld, wenn sie sich dort gebären lassen, in Ländern, die der Turbokapitalismus, als moderne Form des Imperialismus, unbeirrt ausgebeutet hat, im Anschluss an die Zeiten des offenen Imperialismus. Es gibt keine Kolonien mehr. Die Abhängigkeit bleibt. Mit Knebelverträgen, die diese Länder immer mehr ins Elend führen, während sie vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Den einzigen, denen geholfen wird, sind die Länder in der ersten Welt.“

„Millionen Kinder verhungern, Tag für Tag“, ergänzte Maria, „Leben an der Armutsgrenze. Leben in der Fremde. In Auffanglagern. In Todeszonen. Und das alles, weil die erste Welt wie ein gieriger Moloch alles verschlingt, was ihm zwischen die Kiefer kommt. Dann wird zu Weihnachten fleißig gespendet, damit man sich loskauft vom schlechten Gewissen. Man tut schließlich was man kann. Und man muss auch leben. Auch leben. Kann man das Leben nennen? Und dabei geht es gar nicht darum Schuld zuzuweisen oder ein schlechtes Gewissen zu machen, das doch bloß zu schlaflosen Nächten führt, wenn überhaupt, denn wir haben genügend Abwehrmechanismen entwickelt. Nichts sehen. Nichts hören. Nichts wissen. Das ist eine Möglichkeit. Zu sagen, sie seien doch selbst schuld, eine andere.“

„Und wo sind die Kirchen bei dem Spiel zu finden, einem Spiel auf Leben und Tod?“, fragte ich rundheraus, „Sie stellen sich auf die Seite der Reichen und Mächtigen. Nein, sie stehen nicht am Strand in Italien oder in Griechenland und nehmen die Flüchtenden in Empfang, setzen sich dafür ein, dass sie die gefährliche Überfahrt überleben. Geschweige denn, dass sie ihre vielen, großen Besitztümer öffnen, um diese Menschen aufzunehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, sie gefallen sich in der Rolle ihnen noch einen Tritt zu versetzen, um sie dorthin zu befördern, wo sie herkommen. Ja, es werden Enzykliken geschrieben. Unter enormen Aufwand und mit theologischer Feinfühligkeit werden dort Dinge gesagt, die getan werden müssten. Dann, wenn es fertig ist und den Ansprüchen entspricht, zieht man sich zu den vollen Schüsseln ins Warme zurück. Man hat getan was man konnte. Dabei berufen sie sich immer wieder auch auf Dich, Jesus.“

„Ich bin auf der Seite derer, die im Boot sitzen, die hungern und frieren und dahinsiechen. Dort bin ich zu Hause und nirgends sonst“, erklärte Jesus, und wir wussten, dass es so war, „Deshalb haben die hohen Herren in den verschiedenfarbigen Talaren keine Ahnung von mir. Dort kommen sie schließlich nie hin, bis auf wenige Ausnahmen. Sie wissen nichts vom Elend und vom Leid und von der Trauer, weil sie sich in ihre Welt zurückziehen und meinen, dass es irgendwen juckt, wenn sie beten oder um Verzeihung bitten. Wie soll jemandem verziehen werden, der nicht alles in seiner Macht stehende tut um zu helfen, gerade wenn er in meinem Namen spricht. Niemandem kann verziehen werden. In jeder einzelnen Minute haben sie die Wahl, und mit jeder einzelnen Entscheidung die sie zugunsten der Bequemlichkeit treffen, mehren sie ihre Schuld. Mehr Entscheidungsfreiheit kann es nicht geben. Doch umso größer die Freiheit, desto größer die Verantwortung. Doch das einzige, worin sie wirklich gut sind ist, die Schuld anderer anzuprangern, bis hin zu den kleinsten Verfehlungen. Was für eine verlogene Partie. Deshalb wird auch Weihnachten für sie ein Fest voller Riten sein, aber ansonsten leer und bedeutungslos. Weil sie nichts wissen vom Leben, das sich entfalten möchte, weil sie nichts wissen von der Liebe, aus der heraus sich das Leben entfaltet. So galt es und gilt noch immer, Weihnachten ist ein Fest für die kleinen Leute, die noch wissen, was wirklich zählt. Für die wahrhaft Lebenden. Für die wahrhaft Liebenden.“

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