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Life is too short for boring stories

Ich hatte die Nacht vor dem Kamin auf der Couch an der Seite der Hündin und ihrer Jungen verbracht. Immer wieder stellte ich ihr Futter hin und sie schien kaum satt zu werden. Die Kleinen erwachten, tranken und schliefen wieder ein. Sie hatten einen Platz im Warmen und Futter. Endlich konnten sie sich ausschlafen, erholen von den Strapazen. Ich konnte in dieser Nacht kaum schlafen, weil ich sie ständig betrachtete. Was war nur mit Euch geschehen? Die Mutter, die ich für mich Hope genannt hatte, schien kein Straßenhund zu sein. Trotzdem sie so abgemagert war, schien ihr Fell gepflegt zu sein. Zumindest war es das einmal. Dafür sprach auch, dass sie sich offenbar schwer getan hatte etwas zu finden. Ein Straßenhund, der überlebt, kann sowas. Gewöhnt an den immer wieder sich füllenden Napf, hatte sie keine Möglichkeit gesehen. Hatten sie sie einfach auf die Straße gesetzt, als sie merkten, dass sie schwanger war? Gab es keine andere Möglichkeit?

Über solche und ähnliche Gedanken musste ich dann wohl doch eingeschlafen sein, denn Maria weckte mich mit einer Tasse Tee. Ich sah gerade noch, dass die frischgebackene Mutter bei der Türe hinausschlüpfte. Wenige Minuten später war sie wieder da. Offenbar ließ sie ihre Babies nur so lange allein wie es notwendig war. Der Reihe nach schleckte sie sie ab, bevor sie sich danebenlegte. Es war gut. Alles war in Ordnung. Sie waren zusammen.

„Wie kann man nur ein Lebewesen, für das man Verantwortung übernommen hat, einfach auf die Straße setzen?“, fragte ich unvermittelt.

„Indem man sich keine Gedanken macht, vielleicht“, startete Maria einen Antwortversuch.

„Indem man sich nur über sich selbst Gedanken macht, vielleicht“, setzte Jesus hinzu.

„Indem man sich keine Gedanken macht, vielleicht“, schloss ich den Kreis, „Und da soll es angeblich der Verstand sein, der uns von allen anderen Mitgeschöpfen unterscheidet, unser ach so toller Verstand. Aber würde diese Mutter ihre Babies im Stich lassen? Ich denke nicht, aber Menschenmütter tun das. Einfach so. Und so erhebt sich der Mensch über den Rest der Schöpfung.“

„Zugegebenermaßen“, erwiderte Jesus nachdenklich, „Dabei hatte ich wirklich darauf gehofft, ja vertraut, dass es irgendwann besser werden wird. Schließlich hat der Mensch all die schlauen Bücher geschrieben über den Umgang miteinander. Ethik nennt er das. Bloß hält er sich nicht daran. Mehr noch, er setzt eine Ethik gegen die andere, um sich darüber zu streiten, welche die bessere ist, während er – wie nebenbei – die Schöpfung und sich selbst zerstört. Das ist durchaus nicht uninteressant.“

„Du nennst das nicht uninteressant?“, erwiderte ich, einigermaßen überrascht, „Wenn Du auf die Erde gekommen bist, um die Menschen mit sich und der Schöpfung zu versöhnen, dann ist entweder was verdammt schiefgelaufen oder es war nie die Absicht.“

„Es ist nicht uninteressant, auch so falsch verstanden zu werden“, erklärte Jesus rundheraus, „Ich habe den Weg gezeigt, bin ihn gegangen, bis zum bitteren Ende. Aber nur, weil es welche gab, die mir nachfolgten, heißt das noch lange nicht, dass sie auch meinem Beispiel folgten. Jedes Leben zu schonen. Niemand unnötiges Leid zuzufügen. Das war meine Botschaft von Anfang an.“

„Und dennoch gibt es niemanden, der eingreift, wenn unsere Mitgeschöpfe gefoltert und grausam misshandelt werden“, warf ich ein, „Ich wüsste keinen Papst, keinen Kardinal, keinen Bischof, der sich laut und deutlich dafür eingesetzt hätte die Tiervernichtungsanlagen endlich zu beenden. Ich hätte noch keinen gehört, der sich dafür einsetzte diese organisierte Massenarmut durch den Neoliberalismus zu beenden, ja ihr nur entgegenzuwirken. Ganz im Gegenteil. Die Kirche segnet Waffen. Für die Jagd. Für den Krieg. Ist ein Teil der Massenvernichtung, auch unserer Erde. Tag für Tag hätte sie die Möglichkeit und den Einfluss den Gläubigen zu sagen, nehmt keine Produkte, die Leid bedeuten, denn ganz gleich um welches Lebewesen es sich handelt, es sind unsere Brüder und Schwestern, wie es so schön heißt. Und Du hast ja angeblich gesagt, was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan. Wenn ich beides ernst nehme, dann muss sich jeder Christ für die Durchsetzung der grundlegendsten Lebensrechte einer jeden Kreatur einsetzen. Eigentlich dürfte er nichts anderes machen.“

„Kann schon sein, dass ich das gesagt habe“, erwiderte Jesus.

„Hast Du, ich war dabei“, warf Maria ein, „Und wenn es nicht genauso war, dann zumindest dem Sinn nach. Fakt bleibt jedoch, dass sich die christliche Botschaft des Lebens in eine des Todes verwandelt hat. Die Unterjochten sollen sich fügen, denn sie werden ihren Lohn im Himmel bekommen. Wenn sie wüssten. Die Obrigkeit nutzt diese Möglichkeit die Gläubigen gefügig zu machen. Und die Amtskirche selber schlägt sich auf die Seite des Kapitals. So wie es immer war. Denk nur an die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Da waren sie auch nicht gerade erfreut darüber.“

„Stimmt, ich habe ihnen das ganze schöne Geschäft ruiniert“, stimmte Jesus zu, „Nur gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen damals und jetzt. Damals kamen die Händler in den Tempel und jetzt sind die Shoppingcenter selbst die Tempel, in denen Waren angebetet werden, wie dereinst das Goldene Schaf. Die Menschen schaffen sich immer wieder ihre Götter, und behaupten dennoch Monotheisten oder gar Atheisten zu sein. Aber selbst letztere sind von der Anbetungswut nicht gefeit. An das, was sie ihr Herz hängen, daran sollst Du sie erkennen.“

„Du wirfst schon wieder mit so großen Tönen um Dich“, neckte ihn Maria, und da war es das erste Mal, dass Hope zu uns kam und ihren Kopf auf Marias Schoß legte. Es war eine stumme Geste, die keines weiteren Wortes bedurfte. So einfach und so rein und so unmissverständlich. Sanft streichelte Maria die Hündin.

„Hope hat offenbar so viel Zutrauen gefasst, dass sie ihre Kleinen dort liegen lässt, um zu Dir zu kommen“, sagte ich leise.

„Du hast sie Hope genannt?“, fragte Maria nach, „Das ist sehr passend. Finde ich. Vielleicht ist es auch das Letzte, was uns bleibt, Hoffnung, worauf auch immer.“

„Auf ein Wunder, ein Weihnachtswunder? Dass jenen, die was zu bestimmen haben, die Wahrheit endlich aufgeht?“, erwiderte ich leichthin.

„Und auf alle Pfründe und Privilegien verzichten?“, meinte Jesus sinnend, „Eher unwahrscheinlich. Das Leid und das Elend und die Qual werden weggesperrt, und wenn der Festtagsbraten auf dem Tisch steht, dann merkt man davon nichts mehr, auch nicht davon, dass viele dort draußen hungern und frieren und alleine sind. Getrennt, abgeschoben, weggeworfen, menschliche und nicht-menschliche Tiere gleichermaßen.“

„Aber wenn in der Weihnachtsbotschaft genau diese Dinge nicht vorkommen, wenn die Menschen nicht dazu aufgefordert werden, das Leiden jetzt zu beenden, dann hat sie keinen Sinn. Dann ist sie nettes Beiwerk und ein Grund mehr zwei weitere Festtage im Kalender stehen zu haben. Nicht mehr“, warf ich ein.

„Dann gibt es eigentlich keine Weihnachtsbotschaft, sondern nur einen Grund mehr zu konsumieren, während andere für diesen Konsum ausgebeutet werden“, ergänzte Maria folgerichtig.

„Und ich war auf der Suche nach einem Sinn für Weihnachten“, sagte ich dazwischen, „Doch alles was ich zu hören bekomme, führt mich weg vom Sinn. Mehr noch, es gibt dem ganzen Fest einen gewissen Touch von Absurdität.

„Man fühlt sich beinahe wie in einem surrealen Theaterstück. Das Leben spielt sich über der Realität ab, oder die Realität über dem Leben. Jedenfalls hat beides nichts miteinander zu tun. Zu wissen und dennoch völlig zu ignorieren. So scheint der Mensch nun mal zu sein. Er ignoriert alles, was gegen seine Bequemlichkeit und seinen Vorteil spricht. Ganz gleich wie viele Kreaturen darunter zu leiden haben, so lange das Leid ihn nicht selbst betrifft, wird er kein Problem damit haben. Angetrieben wird das ganze Spiel von denen, die davon profitieren. Die anderen werden eingelullt und laufen hinterher.“

„Aber kann man sie nicht aufwecken? Kann man nicht gerade die Weihnachtsbotschaft aus ihrem komatösen Schlaf erwecken und sie dazu nutzen die Menschen genau dazu zu bringen. Dass das Leid ein Ende und Weihnachten wieder einen Sinn hat.“

„Du willst das mit Sinn wohl unbedingt?“, fragte Jesus, und es klang ein wenig mitleidig.

„Ja, ich will es!“, erwiderte ich spontan, „Weil ich mir sonst eingestehen müsste, dass alle Weihnachten bisher, alles, woran ich mich festgehalten hatte, nichts als Chimäre war. Weil ich damit auch eingestehe, dass ich mein Leben lang betrogen und belogen wurde, dass ich mich mein Leben lang betrogen und belogen habe.“

„Dann versuch doch einfach mal das Wollen zu lassen, und auch das Festhalten“, erwiderte Maria sanft, „Und wer weiß, was Dir dann zuteil wird.“

Und so versuchte ich das Wollen und das Festhalten zu lassen, um zu sehen was geschehen würde, um vielleicht dem Sinn von Weihnachten einen Schritt näher zu kommen.

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