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Life is too short for boring stories

Nebelgebettet, zart umschmeichelt, erheben sich die schroffen, steilen Steinwände gen Himmel, nebelgebettet, nimmt der Nacht die Härte. Der Nebel umfließt die Steine, mich, flüsternd, drängend: „Nur zu, bleib bei mir, geh den Weg. Ich nehme Dich an.“

Der Wind hat sich zur Ruhe begeben: „Willst Du nicht auch endlich Ruhe finden?“, raunt er in meinem Kopf.

Oh ja, das will ich, ruhig werden, endlich ganz, ganz ruhig, und die Felswände laden mich ein: „Dann steig an uns hinauf. Steig an uns hinauf, und lass Dich fallen, in einen langen, langen Schlaf, der weder Traum noch Ende kennt, den langen, langen Schlaf, der Dich nicht enttäuscht und nicht mehr entlässt in die Unruhe und Rastlosigkeit, der nichts kennt als Stetigkeit und Annahme. Es gibt keine andere Treue als seine.“

„Ich danke Dir für Deine Einladung, doch das ist nicht der Weg, den ich gewählt habe.“, denke ich, während meine bloßen Füße den feinen Kies berühren, ein wenig einsinken, eine kleine Spur hinterlassend, die bedächtig und verlässlich mit der nächsten Welle eingeebnet wird, unbeugsam und unbeeindruckt.

„Du atmest die Freiheit. Du fühlst Dich unbelastet.“, flüstert der Mond, mich mit seinem Silberglanz überschüttend.

„Ja, ich fühle mich unbelastet, atme die Freiheit.“, denke ich, „Zum ersten Mal atmen und fühlen, seit jenem Moment, in dem meine Lungen sich zum ersten Mal eigenständig füllten, zum ersten Mal frei und unbelastet.“

 

„Wir hinterlassen keine Spuren, nicht in dieser Welt, nicht in diesem Leben.“, denke ich, „Und so gerne wir es auch hätten, auch nicht in den Gedanken und Herzen derer, die uns möglicherweise zugetan waren. Und es ist gut so. Die Spuren als bleibend zu denken lähmte jeden Gedanken. Nichts überdauert den langen, langen Schlaf, nichts geht mit hinüber, in die einzige Freiheit. Wäre es nicht so, die Welt wäre nicht mehr begehbar vor lauter Spuren, die Gedanken wären versteinert vor lauter Rückwendung, und die Herzen wären versiegelt, unnahbar. Nein, nichts bleibt und nichts soll bleiben.“

 

„Komm zu uns, lass Dich von uns umarmen.“, flüstern mir die Wellen zu, verlockend und süß, rollen auf mich zu, umschmeicheln meine Knöchel, bäumen sich auf, sinken und vergehen, um ihren Schwestern, die nachkommen, Platz zu schaffen,

„Komm zu uns, Dich rund um zu betten, so weich, wie Du noch nie gebettet wurdest.“

„Ich will Eure Einladung annehmen.“, denke ich, und wende mich den Wellen zu.

 

Und ich setze Schritt für Schritt, Wasser umspielt meine Knöchel, meine Schenkel. „Ich will zu Euch kommen, mich fallen lassen in Eure Umarmung.“

Der Nebel vor mir verdichtet sich, nimmt Gestalt an, zwingt mich anzuhalten: „Weißt Du denn nicht, dass sich das nicht gehört, was Du da vorhast? Hast Du denn wirklich auf alles vergessen, was ich Dir beigebracht habe?“

„Nein, ich weiß sehr wohl was sich gehört, und ich habe alles behalten, von dem, was Du mir beigebracht hast. Das hat meinen Kopf und meine Gedanken verkleistert, hat mich nicht durchdringen lassen, zu dem, was meine Gedanken hätten sein können. Doch jetzt, jetzt lasse ich meine Gedanken reinwaschen, durch das Wasser, das mich annimmt wie ich bin.“

Und die nächste Welle nimmt sie mit, die nebelhafte Gestalt, löst sie auf.

 

Und ich setze Schritt um Schritt, Wasser umspielt meine Knöchel, meine Schenkel, meine Knie, als aus dem silbrigen Mondlicht eine Gestalt herausbricht, die mich am Weitergehen hindert: „Was ist mit Deiner Verantwortung? Was ist mit all den Aufgaben, die unerledigt auf Dich warten? Hast Du denn wirklich alles vergessen, was ich Dir beigebracht habe?“

„Nein, ich weiß um meine Verantwortung, und ich habe alles behalten von dem, was Du mir beigebracht hast. Ich habe alles geregelt, die Aufgaben verteilt und anderen anvertraut, die noch nicht entdeckt haben, dass all das Streben nichts weiter sind als Ablenkungs- und Täuschungsmanöver, denn ganz egal wie viele Aufgaben ich erfülle, nichts bewahrt mich vor diesem letzten Weg, niemanden von uns. Warum ihn dann nicht tun bevor ich noch mehr Kräfte vergeude?“

Eine Wolke, die sich vor den Mond schiebt, zwingt die Mondlichtgestalt sich aufzulösen.

 

Und ich setze Schritt um Schritt, Wasser umspielt meine Knöchel, meine Schenkel, meine Knie, meine Lenden, als das Wasser sich vor mir aufbäumt und eine Gestalt mein Fortschreiten hindert: „Warum nur lässt Du mich im Stich? Während all unserer gemeinsamen Jahre war ich nur für Dich da, und so dankst Du es mir, indem Du mich einfach verlässt? Weißt Du denn nicht wie sehr ich Dich liebe? Weißt Du denn nicht, dass ich ohne Dich nicht leben kann?“

„Nein, ich habe nichts von all dem vergessen. Nichts von meiner anfänglichen Euphorie, von all den Illusionen, denen ich erlag und von all den Hoffnungen, die ich hatte. Aber genauso wenig habe ich darauf vergessen wie mich diese Illusion vom trauten Miteinander langsam innerlich aufgefressen hat, bis nichts mehr von mir übrig war, was mich an mich erinnerte, nichts mehr von dem, was ich einst war. Ich bin mir wie Sand durch die Finger geronnen und der Wind hat mich verweht. Ich bin schon lange nicht mehr. Das ist nichts, was Du lieben könntest, da ist nichts mehr, was liebte.“

Und die Wasserfigur bricht vor meinen Augen in sich zusammen.

 

Und während ich die Arme ausbreite um sie noch ein letztes Mal zu umarmen, spüre ich wie ich sinke, umschlossen werde vom Wasser, sinke ohne es zu hindern, hindern zu wollen, als ich mich emporgehoben fühle, leicht wie eine Feder, gedreht werde, und aus der Ferne dringt der Klang des einen Liedes, zu dem zu drehen sich lohnt. Ich weiß mich angenommen, unbelastet und frei.

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