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Life is too short for boring stories

„Wenn wir zusammen gehen, ja wenn, dann können wir was bewegen“, dachte Antonia, als sie den morgendlichen Weg zur Fabrik antrat. In Scharen strömten die Frauen und Männer, aber auch Kinder, Jungen und Mädchen, ihrem Arbeitsplatz entgegen. Es war bitterkalt, in diesem Januar 1912. Ganz anders als in ihrer italienischen Heimat. Wehmütig dachte sie daran zurück. Es war erst ein halbes Jahr her, dass sie diese verlassen hatten, sie, ihre Eltern und ihre zwei Schwestern. Was sie getrieben hatte war weder politische Verfolgung noch andere Repressionen, sondern schlicht die wirtschaftliche Not. In Amerika, so hieß es, da ist alles besser. Jeder hätte Arbeit und würde so viel verdienen, dass man davon gut leben könne. All das hielt sie aufrecht, machte den Abschiedsschmerz und die wochenlange Überfahrt erträglich. Immerhin, sie war nicht alleine, denn ihre Familie war bei ihr. Sie kannte genügend Auswanderer, die die Reise auf eigene Faust antraten. Wie ihre beste Freundin, Sara. Sie waren auf dem selben Schiff gewesen, teilten ihre Verzweiflung, aber auch ihre Hoffnungen und Träume, an denen sie unbeirrt festhielt. Trotz der feuchten, engen Wohnung, in der man nie die Sonne sah. War es doch schon ein Glück überhaupt eine Wohnung zu haben. Auch entgegen den miserablen Arbeitsbedingungen und dem Hungerlohn, der gerade eben reichte um nicht zu verhungern. Wann war sie das letzte Mal satt gewesen? Aber bei Mädchen mit 14 Jahren fällt es nicht auf, denn sie sind immer hungrig, auch und vor allem nach dem Leben. Sie träumte auch dann noch, wenn sie sich einreihte in die Scharen derer, die am Morgen zur Arbeit strömten und am Abend wieder nach Hause. Finster war es, wenn sie aufbrachen, und wenn sie zurückkehrten, in diesem schrecklichen Winter. Nie sah sie die Sonne, und rund um sie, da waren so viele Stimmen, die sie nicht verstand, nur dass sie sie verachteten, das war unmissverständlich, auch wenn sie die fremde Sprache nicht verstand. Dabei waren sie doch selbst Einwanderer gewesen. Saßen sie nicht im selben Boot, eigentlich?

Einwanderung

 

Lawrence, Massachusetts, wurde 1840 gegründet, als die erste geplante Industriestadt der USA und war ein wichtiger Standort für die Textilindustrie, die sowohl für den amerikanischen als auch den europäischen Markt erzeugte, in erster Linie Baumwoll- und Wolltextilien. Die Maschinen der Fabriken wurden durch Wasserkraft aus dem Great Stone Dam mit Energie versorgt. Zählte die Stadt zehn Jahre nach ihrer Gründung gerade mal 8.282 Einwohner, so hatten sich diese bis 1910 mit 85.068 mehr als verzehnfacht. Grund dafür war die fortwährende Zuwanderung. Dabei wurde jede Einwanderergeneration von der folgenden unter wirtschaftlichen Druck gesetzt, die Engländer und Schotten von den Iren und Deutschen, diese von den Italienern, und diese wiederum von den Polen, Litauern, Russen und Chinesen. Der immerwährende Kampf um knappe Ressourcen stand einer Solidarisierung, und damit einem gemeinsamen Eintreten für ihre Rechte, entgegen. Die konservativen Gewerkschaftsführer der American Federation of Labor (AFL) waren überzeugt, dass Frauen und Migranten, die kaum Englisch sprachen und in viele Nationalitäten zersplittert waren, nicht gewerkschaftlich organisiert werden sollten. So sahen sich Frauen wie Antonia einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt. Einerseits war sie eine Frau, die die Löhne drückte, andererseits war sie Italienerin. Sie zählte nicht zur ersten Generation an Einwanderern, und wurde von jenen, die sich quasi bereits eingerichtet hatten und nun ihren Platz beanspruchten und verteidigten, ebenfalls missbilligend behandelt. Umso bemerkenswerter, dass es letztlich doch zu einem Schulterschluss kam.

 

Fehlende Solidarität

 

„Wenn sie sich nur zusammenschließen, dann können  sie viel erreichen. Immer diese Kleinlichkeiten“, höre ich immer wieder sagen, von jenen, die durch die Gnade der historischen Entfernung von den Ereignissen anno 1912, nicht betroffen sind. Dabei ist zu beobachten wie die Solidarität unter den unselbständig Erwerbstätigen immer mehr sinkt. Ein Indiz dafür ist die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder, die seit ihrem Höchststand im Jahre 1991 mit rund 1,6 Mill. bis ins Jahr 2015 mit einem Tiefststand von 1,2 Mill., kontinuierlich abnahm. Es mutet beinahe wie vorauseilender Gehorsam an, wenn man sich durch Entsolidarisierung den möglichen Karriereweg nicht verbauen möchte. Oder es geht schlicht und ergreifend darum, den Arbeitgeber nicht zu verärgern, denn immer noch scheinen gewerkschaftliche Zusammenschlüsse argwöhnisch beobachtet zu werden. „Wer nicht rebellieren möchte, braucht auch keine Gewerkschaft“, tönt es von Unternehmerseite. Das geht so weit, dass Menschen, die offen zu ihrer Mitgliedschaft stehen, gar nicht erst eingestellt werden. Natürlich nur inoffiziell. Diese Angst um den Arbeitsplatz führt zu immer mehr Zugeständnissen. Dazu kommt noch die Konkurrenz durch Immigranten.

 

Betrachtet man den geplanten, politisch unterstützten Zuzug von sog. Gastarbeitern seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, so kann man das gleiche Phänomen beobachten, wie es in Lawrence bereits auftrat. Die einzelnen Ethnien bleiben unter sich, lernen kaum oder nur gebrochen Deutsch und können sich dementsprechend nicht integrieren. Hätte es so funktioniert, wie die Politiker das damals am Reißbrett skizziert hatten, so wäre die Bemühung um Integration gar nicht notwendig gewesen, denn angedacht war ein Rotationssystem, bei dem junge, kräftige Männer, gerade während der Zeit des sog. Wirtschaftswunders, ein paar Jahre blieben und dann wieder nach Hause geschickt wurden. Doch diese Menschen hielten sich nicht an die politischen Pläne, denn sie blieben. Nicht nur das, sie holten ihre Frauen und Kinder nach. Das kalkuliert einsetz- und wieder abschiebbare Humankapital entpuppte sich als Menschen mit menschlichen Bedürfnissen. Damit hatte man nicht gerechnet.

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