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Life is too short for boring stories

Arbeiter*innen, die eigentlich im selben Boot saßen, die gleiche Not litten und den gleichen Bedingungen ausgesetzt waren, schienen sich dessen nicht bewusst zu sein, dass die internen Spaltungen dazu führten, dass es nicht gelingen würde gemeinsam für eine Veränderung einzutreten. Desto bemerkenswerter erscheinen die Vorkommnisse, die mit dem 11. Januar 1912 scheinbar unaufhaltsam ihren Lauf nahmen, als wäre plötzlich ein Damm gebrochen, der so lange standgehalten hatte. Wie so oft war es wohl der berühmte eine Tropfen, der den Ausschlag gab.

Dieser Tropfen kam allerdings nicht von den Berechnungen, die ein Kongressabgeordneter der Sozialistischen Partei aus Wisconsin, John Berger, 1909 erstellte, der zu dem Schluss kam, dass der Anteil der Lohnzahlungen in der Textilindustrie 1890 gerade mal 22% der Erlöse in der Höhe von 164,6 Millionen Dollar betrug. Bis zum Jahr 1905 waren die Erlöse auf 212,7 Millionen Dollar angestiegen, während der Lohnanteil auf 19,5% gesunken war. Doch solche Berechnungen und die daraus zu ersehenden Unstimmigkeiten erreichten nicht die Arbeiter*innen, die täglich ums Überleben kämpfen mussten, gegen Mangelernährung und Verelendung.

 

Andererseits begannen auch die Kapitalisten einzusehen, dass die Entkräftung ihrer Arbeiter*innen nicht in ihrem Sinne sein könnte. Handelte es sich schließlich um notwendige Ressourcen, wie die Maschinen, die ihre volle Leistungskraft nur dann erbringen können, wenn sie regelmäßig gewartet werden. Deshalb wurde am 01. Januar 1912 die gesetzliche Wochenarbeitszeit auf 54 Wochenstunden beschränkt, allerdings bei gleichem Lohn. Diese Neuerung wurde den Arbeiter*innen der Textilindustrie mit der Aushändigung ihres Wochenlohnes am 11. Januar 1912 schlagartig bewusst, da sie sofort erkennen konnten, dass es zum Überleben nicht reichen würde. Lohn für sechs Stunden konnte über Leben oder Tod entscheiden. Frauen, die ihre Kinder gerade so durchgebracht hatten, wussten, dass diese nun noch mehr hungern würden müssen als bisher. Spontan legten sie die Arbeit nieder und riefen zum Streik auf. Diesem Aufruf folgten 2.000 Arbeiter*innen aus allen 12 Textilfabriken. Das war der Auftakt zu einem Streik, der zu einem der symbolträchtigsten in der Geschichte der US-amerikanischen Arbeiterbewegung wurde, und zu einem der spektakulärsten Arbeitskämpfe der Industrial Workers of the World (IWW, deren Mitglieder auch Wobblies genannt wurden), und widerlegten damit die Ansicht der konservativen Gewerkschaften, Frauen und Migrant*innen ließen sich nicht gewerkschaftlich organisieren.

 

„Better to starve fighting than to starve working“

 

Mit dieser Parole stürmten mehrere tausend Arbeiter*innen, die italienische und die US-amerikanische Fahne schwenkend, am 12. Januar 1912 sämtliche Textilfabriken in Lawrence und legten die Arbeitsprozesse lahm. Sie begannen bei der Washington Mill, gingen zur Wood Mill und zur Ayer Mill, bei der sich ihnen weitere 2.000 Arbeiterinnen anschlossen. Bei den Duck Mills wurden sie durch ein massives Polizeiaufgebot zurückgedrängt, ebenso bei der Pacific und der Prospect Mill. Mehr als die Zerstörung der Maschinen zu verhindern, konnten diese allerdings nicht ausrichten. Bis Samstagabend, dem 13. Januar 1912, war die Anzahl der streikenden Arbeiter*innen auf 20.000 angewachsen und Montagmittag glich die Stadt einem Heerlager, denn während dieser drei Tage waren Polizei- und Milizeinheiten aus dem gesamten Bundesstaat Massachusetts zusammengezogen worden. Auch der Gouverneur reagierte und ließ das Kriegsrecht in Lawrence ausrufen. Dazu gehörte das Verbot von öffentlichen Versammlungen. Nochmals wurden die Kräfte der Exekutive aufgestockt. Zu Polizei und Miliz kam die Nationalgarde hinzu. Diese Abwehrmaßnahmen gegen hungernde, ausgebeutete Menschen kostete den Staat $ 4.000,– pro Tag. Die Reaktion der Streikenden war unmissverständlich. Sie ignorierten die Anweisungen und hielten Free-Speech-Versammlungen ab. Darüber hinaus gab es ab jenem Montag, den 15. Januar 1912, permanente Streikposten und Blockaden in den Fabriken, auch um denen den Zugang zu verwehren, die den Streik boykottierten. Darin wird die Bereitschaft der Arbeiter*innen deutlich, alles zu riskieren, selbst gegen eine übermächtige Staatsmacht, um die buchstäblichen Hungerlöhne zu verbessern. Permanent befanden sich rund 20.000 Menschen Streik, also ein Drittel der 60.000, in der Textilindustrie in Lawrence, beschäftigten Menschen. Die Demonstrationen hatten jeweils 3.000 bis 10.000 Teilnehmer.

 

Jener Freitag, der 12. Januar 1912, bildete den Auftakt zu einem Streik, der neun Wochen dauern sollte. Das war nur möglich, weil sich eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft breit machte, allen Widrigkeiten zum Trotz.

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