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Life is too short for boring stories

Martinique und Christian zogen, bewaffnet mit Flugblättern und jeder Menge Information im Gepäck, während der nächsten Wochen von einem Delfinarium zum nächsten. Vielleicht könnten sie dazu beitragen die Menschen über die Hintergründe zu informieren, so ihr Anliegen. Gemeinsam für eine Sache einzutreten, für etwas, das dazu beitragen kann, das Leid einer fühlenden Kreatur zu verringern, das war etwas ganz Besonderes. Zumindest empfand es Martinique so. Nicht alleine zu sein, obwohl sich immer mehr fanden, die sich anstecken ließen, war es doch etwas anderes, wenn jemand da war, bei dem man den Kopf auf die Schulter legen kann, umarmt wird und sich gehalten weiß, trotz oder gerade wegen der Trauer. An jenem Tag standen sie vor dem Delfinarium in Duisburg und hatten bereits viele Flugblätter verteilt, als der Besucherstrom unversehens abriss. In ein paar Minuten würde es geschlossen werden, für diesen Tag.

„Kennst Du eigentlich die Geschichte von Physty, dem jungen Pottwal?“, fragte Martinique unvermittelt.

„Nein, kenne ich nicht“, gab Christian zu, „Erzähl mal!“

„Neben Moby Dick ist er wohl der berühmteste Wal, zumindest in Amerika“, begann Martinique zu erzählen, „Es geschah in der Nacht zum 16. April 1981, wenige Tage vor Ostern, als das Meer diesen jungen Pottwal, krank und desorientiert, an in den Fire Island Inlet, Florida, an Land spült. Umgehend finden sich Fachleute und Schaulustige ein. Sie bringen den geschwächten Wal in den Robert-State-Park, einen kleinen Yachthafen. Der Veterinärmediziner diagnostiziert eine Lungenentzündung. Daraufhin wird er acht Tage lang mit Antibiotika behandelt, das in Tintenfische fabriziert wird. Er wird wieder gesund. Sobald er sich halbwegs fit fühlte, wollte er hinaus in die Freiheit. Es ist ihm gut gegangen, der Stresspegel war gleich null, aber er wollte wieder zurück in die Freiheit. Ich halte das doch für sehr bezeichnend.“

„Ja, das versteht sich von selbst“, entgegnete Christian, „Und alles in allem doch eine nette Geschichte mit einem Happy End.“

„Oh ja, eine nette Gute-Nacht-Geschichte“, spöttelte Martinique, „Nicht, dass ich mich nicht freute, dass die Menschen so reagierten oder der Wal gerettet wurde. Ganz im Gegenteil, das ist schön. Aber es ist etwas anderes, was mich stört.“

„Und was genau könnte das sein?“, fragte Christian nach.

„Während all der Zeit zeigten hunderte, wenn nicht gar tausende, Menschen Interesse daran wie es dem Wal erging. Die Medien berichteten darüber und zuletzt wurde er unter großem Beifallsjubel in die Freiheit entlassen. Sie hatten ihn alle ins Herz geschlossen und ach so lieb“, begann Martinique ihre Gedanken darzulegen, „Ein einziger Wal, und alle fiebern mit. Doch während der Zeit sterben draußen im Meer tausende Artgenossen, und an all diesen tausenden Toden sind Menschen schuld. Sei es, dass sie sich in großen Schleppnetzen verfangen und ertrinken oder von einem Boot durchschnitten werden. Sei es, dass sie wegen der Sonare auf den Schiffen taub oder sie einfach so abgeschlachtet werden, weil es gerade lustig ist. Das berührt niemanden. Da sagt keiner, die müssen wir unbedingt retten. Es wird so unheimlich viel Aufwand getrieben, um einen einzigen Wal zu retten, wohingegen der Aufwand tausende zu schützen vergleichsweise gering ist. Und das ist doch ein klein wenig pervers.“

„Du kannst es pervers nennen, aber man könnte es auch einfach als einen Zug bezeichnen, den alle Säugetiere haben“, meinte Christian nachdenklich, „Wir sind nicht in der Lage uns ein Leid zu vorstellen, das einerseits so weit weg ist und andererseits eine anonyme Masse betrifft. Doch diesem Pottwal, dem haben die Menschen in die Augen gesehen. Wir sind zu emotionalen Abstraktionen einfach nicht fähig.“

„Damit behauptest Du aber auch, dass der Mensch nicht in der Lage ist globale Politik zu betreiben?“, entgegnete Martinique.

„Das ist er auch nicht. Er ist nicht in der Lage, oder zumindest der weitaus größte Teil, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen“, bestätigte Christian, „Deshalb lässt er sich auch so leicht einwickeln und manipulieren. Ihn berührt nur das Unmittelbare, nicht das, was außerhalb seines unmittelbaren Umfelds liegt, sonst würde er merken, dass Schutz der großen Meeressäuger, Schutz der Meere vor Überfischung und vieles andere letztendlich seinen eigenen Schutz bedeutet, aber um das zu begreifen, müsste er weiterdenken. Das tut er aber in den wenigsten Fällen. Und genau das ist der Grund, warum es wichtig ist, solche Geschichten zu erzählen, immer und immer wieder. Von Physty und seiner Familie, von seinem Leben und von seiner Heimat. Das ist begreifbar.“

„Dann werde ich weiterhin erzählen“, meinte Martinique. Mittlerweile war es dunkel geworden. Arm in Arm verließen sie die Stätte ihres Wirkens, „Übrigens, wem gehört überhaupt das Meer?“

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