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Life is too short for boring stories

Karla Kühn, ihres Zeichens Doktor der Biologie, spezialisiert auf Zoologie und Wildtierexpertin, hatte vor nunmehr zehn Jahren die Wildtierauffangstation gegründet. Dabei hatte sie eigentlich in die Forschung gehen wollen, aber dann war etwas passiert, was ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte. Dabei war es nichts weiter, als eine Begegnung, genauerhin eine Fuchsbegegnung, gerade als sie ihr Studium abgeschlossen hatte. Irgendwann auf dem Weg zum Doktortitel hatte ihr Freund sie verlassen. Es war ihr erst eine Woche später überhaupt aufgefallen. „Wenn es eine Woche, also sieben Tage dauert, bis ich merke, dass er nicht mehr da ist“, hatte sie sich damals gedacht, „Dann hat er eigentlich keine Berechtigung in meinem Leben gehabt.“ Insgeheim war sie sogar froh gewesen, da sie sich nun völlig und ungeteilt ihren Studien hingeben hatte können. Mit dem Diplom in der Tasche, hatte sie den Heimweg angetreten. Sie hatte schon zu dieser Zeit in einem kleinen Häuschen am Waldrand gelebt, da hatte sie den Fuchs gesehen, einen verwundeten Fuchs. Sein linker Vorderfuß war in einer grausamen Falle gefangen.

Karla hatte sich dem Fuchs vorsichtig genähert, um sich seine Verletzung genauer anzusehen. Er war ganz offensichtlich in eine Tretfalle getappt, die nun an seinem Pfötchen hing. Trotzdem schien er Karla zu vertrauen. Sobald sie erkannt hatte, was los war, hatte sie eine gute Bekannte angerufen, eine Veterinärmedizinerin, die den Fuchs von der Falle befreite, doch leider auch von der Pfote, die nicht mehr zu retten war. Nun war Karla dagesessen mit einem Fuchs, der keine Anstalten zeigte, wieder in die Freiheit zurückzukehren. Bis zu dem Moment war sie überzeugt gewesen, dass man sich als Mensch in die Abläufe der Natur nicht einmischen dürfte, denn das war bis jetzt immer nur schlecht ausgegangen. Nach dieser vereinfachenden Überlegung hätte sie den Fuchs in die Wildnis zurück zwingen müssen, doch er ließ es nicht zu. Er blieb. Deshalb erweiterte sie ihre Überzeugung dahingehend, dass sie nun meinte, man solle Wildtiere in Ruhe lassen, so wie auch den Rest der Natur, aber wenn ein Lebewesen durch den Eingriff des Menschen zu Schaden kommt, dann ist man als Angehörige dieser Spezies verpflichtet, diesem Lebewesen zu helfen. Auch wenn man nicht selbst schuld daran war, so war es doch moralisch geboten die Fehler der anderen auszubessern. Also baute sie direkt neben ihrem Häuschen eine große Voliere, in der der Fuchs von da an lebte. „Was machst Du mit dem Fuchs?“, war sie eines Tages von ihrer Nachbarin gefragt worden. „Ich passe auf ihn auf“, erklärte Karla. „Wie lange?“, war die nächste Frage. „So lange er es möchte“, erklärte Karla.

Die Geschichte vom geretteten Fuchs blieb nicht geheim. Alsbald wurde ihr ein weiteres Wildtier gebracht. „Sie kümmern sich um verletzte Wildtiere?“, hatte der Mann begonnen, der ein Kitz unter dem Arm getragen hatte. „Davon hätte ich bis jetzt nichts gewusst“, hatte Karla stirnrunzelnd erwidert. Doch der Mann hatte nur stumm auf den Fuchs gedeutet. Es war der Moment gewesen, in dem Karla endlich erkannt hatte, dass es wohl ihre Aufgabe sein sollte. Kurz darauf war die Wildtierauffangstation gegründet. Nach und nach baute sie Unterbringungsmöglichkeiten für die verschiedensten Tiere. Der härteste Teil war der Kampf um öffentliche Unterstützung. „Der Jäger soll sie erschießen. Das kostet nichts“, hatte der Mann am Amt ihr erklärt, doch Karla hatte es verstanden ihre Schützlinge so medienwirksam zu präsentieren, dass man von Behördenseite nachgab. Die Vereinsgründung folgte, so dass sie auch Spenden bekommen konnte. Neben der klassischen Versorgungs- und Auswilderungstätigkeit bot sie auch Seminare und Workshops an, um den Menschen die heimische Tier- und Pflanzenwelt näherzubringen, um so mehr Achtsamkeit gegenüber diesem so sensiblen Ökosystem zu erreichen. In den letzten zehn Jahren hatte sie sicher über tausend Wildtiere versorgt. Das wurde an diesem Tag gefeiert. Alles Interessierten waren eingeladen. Doch es gab nicht nur positive Reaktionen. Bereits im ersten Jahr hatten die Gegner*innen ihre Macht spielen lassen. Eines Abends war der Fuchs verschwunden, der kleine, anhängliche dreibeinige Fuchs. Zunächst hatte Karla gedacht, er wäre weggegangen, doch instinktiv ging sie ihn suchen. Sie fand ihn auch, verschnürt in einem Sack und grausam erschlagen. Eine Botschaft, die nicht unmissverständlicher hatte sein können, doch trotzdem lag ein Zettel dabei auf dem stand: „Verschwinde oder Du wirst es bereuen!“ Doch statt dieser Drohung nachzukommen, installierte sie eine Alarmanlage und ließ eine Statue anfertigen, zum Gedenken an den kleinen Fuchs mit den drei Beinen, der der grausamsten Bestie zum Opfer gefallen war, dem Menschen.

Du möchtest wissen, wie es weitergeht? Dann schau hier am 02. Nov. 2023 vorbei.

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