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Life is too short for boring stories

Grete hatte sich viele Szenarien ausgemalt, von einer Verstümmelung bis zu einem schrecklichen Ekzem, das Gregor über Nacht überfallen hatte. Doch, was sie tatsächlich sah, das übertraf ihre kühnsten Vorstellungen. Nichts hatte darauf hingewiesen, nichts sie darauf vorbereitet, was sie zu sehen bekam. Der Schrei steckte in ihrer Kehle und wollte sich unbedingt Bahn brechen, doch es gelang Grete diesen zurückzuhalten. Es brachte jetzt nichts, wenn sie den Kopf verlor, auch wenn sie keine passendere Gelegenheit für solch ein Unterfangen wusste, als diese, doch es brachte nichts. Nicht einmal, wenn es passend war.

Auf dem Bett, auf dem eigentlich Gregor liegen sollte, befand sich ein riesiger brauner Käfer. Genauerhin eine Schabe, wie Grete, als fast fertig studierte Biologin, sofort messerscharf diagnostizierte. „Schabe, Ordnung, Überordnung Dictyoptera, Unterklasse Pterygota, Klasse Insecta, Überklasse Hexapoda, Unterstamm, Tracheata, ungefähr 4.600 bekannte Arten“, spulte sie in ihrem Kopf ab, auch um zur Ruhe zu kommen. Diese Informationen, die so klar und nüchtern klangen, schenkten ihr eine gewisse Sicherheit. So etwas wie eine Wirklichkeit. „Größte rezente Art ist ca. 100 mm lang“, fügte sie zuletzt hinzu, „Gerade mal 10 cm und diese, die da liegt, die ist mindestens 150 cm, also 15.000 mm groß.“

Vorsichtig näherte sich Grete dem überdimensionalen Insekt. Seit sie in das Zimmer getreten war, hatte dieses Tier aufgehört verzweifelt damit zu kämpfen, sich auf die Beinchen zu drehen. Stattdessen wurde Grete beobachtet. Fast wie ein Flehen war dieser Blick, denn es war ihr Bruder. Er hatte zwar keine Ähnlichkeit mehr, zumindest in der äußeren Gestalt, aber Grete war sich sicher, es konnte nicht anders sein. Ein tiefes Röcheln verriet ihr, dass er versuchte, Laute von sich zu geben, mit ihr zu kommunizieren, aber er hatte mit seiner äußeren Erscheinungsform offenbar auch die Gabe zu sprechen verloren. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen Bauch, als wollte sie ihn beruhigen. Es ist schwer sich anzunähern, wenn man sich so weit verloren hat. Doch sie musste es versuchen, irgendwie mit ihm in Kontakt treten.

„Gregor“, sagte sie deshalb, ihre Stimme so sanft wie möglich klingen lassend, „Ich weiß zwar nicht, was mit Dir passiert ist, aber ich bin mir sicher, dass Du es bist. Wenn Du mich verstanden hast, dann beweg bitte die Fühler.“ Sofort wippten die Fühler auf und ab. Grete wurde von einer Welle der Erleichterung erfasst. Er konnte sie verstehen. Zumindest das.

„Möchtest Du auf die Beine kommen?“, fragte sie weiter. Wiederum bewegten sich die Fühler. Diesmal noch heftiger. Offenbar war es sehr unangenehm, sich in einer solch hilflosen Situation zu befinden.

„Dann helfe ich Dir, Dich umzudrehen, gemeinsam schaffen wir das. Wir müssen nur achtgeben, wenn Du auf den Boden fällst“, meinte sie und damit schob sie ihre Hände unter seinen Panzer, was gar nicht so leicht war, angesichts seiner Breite. Gregor unterstützte sie, indem er sich ein wenig hin und herschaukelte. So landete er wohlbehalten auf seinen dünnen Füßchen, von denen man sich nur schwer vorstellen konnte, dass sie diesen, im Vergleich, riesigen Körper tragen konnten, aber es klappte. Dann setzte sich Grete neben ihren Bruder auf den Boden, um ihm nicht das Gefühl zu geben, sie sähe zu ihm hinab, wie es zweifelsohne der Fall gewesen wäre, hätte sie sich auf die Couch gesetzt.

„Gregor“, begann sie erneut, nach einigen Momenten des Schweigens, „Du bist mir immer ein großartiger Bruder gewesen, so wie den Eltern ein ergebener Sohn. Du hast alles für uns getan, alles, was möglich war, um uns ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Es ist jetzt an der Zeit, Dir das zu vergelten. So wie Du Dich um uns gekümmert hast, so möchte ich mich jetzt einsetzen. Es ist das Mindeste, was ich tun kann und ich glaube, dass wir das Beste aus dieser Situation machen müssen. Ich habe auch schon eine Idee, doch ich brauche Dein Einverständnis, um diese umsetzen zu können. Bewege nochmals die Fühler, wenn Du einverstanden bist, bitte.“ Und wiederum wurde das gewünschte Zeichen gegeben. Dann drehte sich Gregor zum Schreibtisch und wies darauf. Grete begriff erst nach einigen Versuchen, dass er Stift und Papier wünschte. Das Papier legte sie unter seinen Kiefer und den Bleistift hielt er mit denselben fest. Es war sicherlich nicht einfach, aber nach und nach erschienen immer mehr Striche auf dem Blatt, die als Buchstaben und Worte erkennbar wurden. Sie konnten kommunizieren.

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