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Life is too short for boring stories

Es war zu jener Zeit im Jahr, da der Winter schon in den letzten Zügen lag, der Frühling allerdings noch in den Windeln, da die Tage bereits länger, aber die Nächte noch kalt waren. Weitab jenes Teiles der Welt, den man im weitesten Sinne als zivilisiert bezeichnen möchte, mitten in einer sanften, bergigen Landschaft, hatten wir das Zelt aufgeschlagen. Da waren nur wir und die Natur, mit all ihrer Schönheit und ihren Besonderheiten. Verbindungslos. Abgeschottet. Abseits. Essen. Schlafen. Die Umgebung erkunden. Sich spüren. Sich als Teil eines größeren Ganzen erleben. Nichts weiter. Was braucht es weiter.

Ganz von selbst ergibt sich ein Rhythmus, der mit dem des Lebens klingt. Endlich nicht mehr gegen sich und seine innere Stimme agieren zu müssen. Ruhe finden. Sitzen. Schauen. Riechen. Schmecken. Wahrnehmen. Mit allen Sinnen. Annehmen. Bleiben. Alles was man braucht. Mehr ist es nicht, was das Leben ausmacht und bereichert, es auf eine ganz neue Weise anzunehmen.

 

Das Licht bestimmt wann der Tag beginnt und wann er endet. Es braucht weder Uhr noch Wecker. Es gibt nichts zu tun, was nicht zu jeder Zeit getan werden könnte, so lange es hell ist. Mit einem Mal findet man sich eingebettet in das immer wiederkehren von Tag und Nacht. Und es ist, als wäre es niemals anders gewesen.

 

Am Abend, wenn es dunkel und alles getan ist. Dann wird Brennmaterial aufgeschichtet. Ganz unten dürre Gräser und Blätter. Darüber kleine Ästchen und ganz oben größere. Gemeinsam haben wir gesammelt. Das Holzhacken ist Männersache. Es braucht nicht darüber debattiert zu werden. Eine Flamme setzt es in Brand. Rasch frisst sie sich durch die Blätter und kleinen Äste, leckt um die großen, reckt sich gen Himmel und geht mit dem Wind. Still ist es rundherum, nur die vereinzelten Stimmen der nachtaktiven Tiere erreichen uns aus dem Wald. Manchmal zieht ein Schatten vorbei. Es ist ein Wald, in dem noch wilde Tiere leben. Es besteht keine Gefahr. Es ist Platz genug, für alle Tiere. Selbst der Mensch kann seinen Platz neben allen anderen finden, wenn er nur will und nicht meint Eindringling sein zu müssen, sondern einfach das, was er ist, ein Mitgeschöpf.

 

Wir sitzen ums Feuer, weil die Nacht kühl ist und es gut ist zusammenzusitzen. Rund ums Feuer, das wärmt, nicht nur die Haut. Wir erzählen sich Geschichten. Es ist nicht leicht welche zu finden, die Relevanz haben. Dort, wo wir herkommen, da haben sie diese vielleicht. Aber hier? Es gibt so vieles, was nicht mehr wichtig ist. Nur das Unmittelbare, das Leben betreffende, ist wichtig. Was bleibt sind die Geschichten, die uns betreffen, die uns nahegehen und uns mit anderen verbinden, so wie das Feuer ohne das Miteinander nicht dasselbe wäre.

 

Und selbst, wenn die Geschichten zu Ende erzählt sind, das Feuer so weit heruntergebrannt ist, dass es nur mehr glüht, selbst dann bleibt das Miteinander, das schwingt und sich selbst spricht. Einfach da zu sein. Sich zu sprechen, auch ohne Worte. Plötzlich glaubt man, dass die Welt ein friedlicher Ort sein kann. Nicht nur hier. Überall. Wenn man genug Platz hat. „Essen, einen warmen Platz und Du“, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf, „Braucht es denn mehr um glücklich zu sein?“ Ein trügerischer Schluss, denn weitab, vielleicht schon hinter dem nächsten Berg, tobt der Kampf ums Überleben und um knappe Ressourcen. Doch hier, neben der Glut und unter dem gestirnten Himmel, ist nichts davon zu merken.

 

Weil es nichts weiters gibt und nichts weiter wichtig ist, es nichts gibt, was uns ständig ablenkt und die Konzentration abzieht, lassen wir das Leben ganz nahe an uns heran, so wie uns. Einfach da sein, umfangen und gehalten, behütet und bewacht von der Schlichtheit des Daseins. Es kann so einfach sein.

2 Gedanken zu “Am Lagerfeuer

  1. Mary sagt:

    Was für ein schönes Bild!

    1. novels4utoo sagt:

      Danke!

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