Das Streicheln des Windes

Inspiriert von Kieran Halpin „China Rose“

 

Ein sanfter Hauch, nur eine Spur, ist der Wind, der den Vorhang sanft hebt, hindurchstreicht und sie wieder verlässt, so dass sie zurücksinken. Sanft wie der Morgentau und Deine Hand auf meiner Wange, die nun nur mehr der Wind streichelt. Unmerklich, doch ich sehe es. Das Fenster ist geöffnet. Wie Du es magst. Das Bild am Pult und Dein Platz ist leer. Nicht für mich. Denn Präsenz lässt sich nicht löschen, nur so sanft werden wie die der Hauch, eine Spur.

Ein sanfter Duft umweht mich, während ich bleibe. Dein Platz. Mein Platz. Unser Platz. Wir haben sie gefunden, angenehm sich zuzuwenden. Auch zu lächeln. Zu reden. Zuzuhören. Du sitzt da, den einen Arm auf der Lehne, den anderen hinter meinem Rücken. Annehmend ohne zu beschränken. Ich lasse mich halten und tragen. Wenn ich Dir erzähle. Und wenn ich nach Worten suche mich Dir mitzuteilen. Du hörst zu. Führst mich mit Deinen Fragen immer weiter meine Gedanken zu erweitern, weiterzugehen. Du gehst mit. Du bist bei mir und lässt mich doch voranschreiten. Im Schein der untergehenden Sonne erkläre ich Dir, um mir selbst zu erklären. Im Aussprechen wird es mehr. Schritt um Schritt.

 

„Ich liebe Deine Leidenschaft“, sagst Du, wenn ich Dir berichte von all meinen Träumen und Plänen, meinem Einsatz und der Unbedingtheit meines Willens. Du schenkst mir die Verbundenheit und spornst mich an. Bestätigung und Fürsorge. Bestätigung, dass der Weg der richtige ist. Fürsorge, dass ich mich nicht verausgabe. Du bist der Ort, an dem ich Kraft und Mut tanke. Du bist es in Deiner stillen Präsenz, die der Duft ist und der Atem und das Sein, die auch in der Abwesenheit bestehen bleibt.

 

„Ich liebe es Dir zuzuhören“, sage ich, wenn Du mir berichtest von Deinem Leben und Deinen Gedanken und Deinem Weg. Nicht unbedingt geradlinig, was auch immer das im Leben heißen mag. Die Art es mir nahezubringen, mich mitzunehmen auf den Pfad, den Du gehst. Manchmal vergesse ich zuzuhören, weil ich mich in Deiner Stimme verliere, mich fallen lasse in den Klang und die Wärme. Ich sage es Dir nicht. Was sollte ich auch sagen? Dass es mir schwer fällt mich auf Deine Worte zu konzentrieren, wenn Du sprichst. Auch, wenn ich weiß, dass Du selbst das verstanden hättest.

 

Ein sanftes Geräusch klingt vom Tisch zu mir, auf dem Dein Becher neben meinem steht. So wie es immer war. Immer wieder stelle ich sie neu auf, denn nichts erleichtert mehr als die Gewohnheit, die uns gehört. Tee zu trinken, wenn der Wind rau wird, im Herbst, wenn das Fenster immer kürzer geöffnet wird, hinein in den Winter. Doch jetzt ist Sommer und der Wind warm, wie Deine Hand auf meiner Wange.

 

Ein weicher Schatten. Bilder verblassen in der Erinnerung. Sie verlieren an Trennschärfe, an Kanten und Ecken. Sie werden weicher und stimmiger, bis sie mit dem Moment verschmelzen und dem Jetzt, bis sie nicht mehr Schatten, sondern Licht sind, das mich auch durch die finsterste Nacht begleitet, sie erhellt.

 

Ich habe keine Angst. Du bist bei mir. Auf Deinem Platz neben meinem. Der Klang Deiner Worte, und die Hand, die meine Wange streichelt. Auch wenn es nur mehr der Wind ist. Es ist wie Deine Hand, nur ein wenig kälter.

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