Kreativ und innovativ

Kreativ Innovativ | Daniela Noitz Bücher und Lesungen

Mara war erschöpft. Nicht müde. Das ist etwas anderes. Müdigkeit lässt sich mit genügend Schlaf überwinden. Aber diese grundlegende Erschöpfung, das Gefühl, ausgelaugt zu sein, das lässt sich nicht so einfach wegbekommen. Woher kam es? Was war die Ursache? War es, dass sie so viel mehr tat als andere? Dass ihre Tätigkeiten, ihr Leben den Einsatz, den andere brachten, überstieg? Sie musste sich eingestehen, das war nicht der Fall. Maras Leben war wie das aller anderen, von denen sie meinte, sie würden das mit links schupfen, perfekt und mit einem Lächeln. Sie war die einzige, die mit der Alltäglichkeit, der Normalität überfordert war, so kam es ihr vor. Deshalb fühlte sie sich als Versagerin. Wenn alle anderen das besser meisterten als sie, dann musste es wohl an ihr liegen.

Wie sah ihr Leben aus? Da war die Arbeit, die Arbeit, die es Mara ermöglichte, ihre Rechnungen zu bezahlen und sich ein bisschen was leisten zu können. Mit dem Gehalt ihres Mannes alleine würden sie nicht leben können. „Leistung soll sich auszahlen“, hörte sie die Stimme der einen Partei in ihrem Kopf wiederhallen, die wohl von einem am wenigsten Ahnung hatte: von Arbeit, vor allem von der nicht, die quasi das Land am Laufen hielt, wie ihre. Als Krankenschwester leistete sie viel und doch ging das nicht aus ihrem Gehalt hervor. Da gab es einige Berufsgruppen, die nichts zum Wohl der Gesellschaft beitrugen, aber dennoch viel mehr als sie verdienten.

Nach der Arbeit ging es an die Hausarbeit, die Versorgung der Kinder und des Mannes. Während er sich seinen wohlverdienten Feierabend gönnte, die er bevorzugt entspannt auf der Couch verbrachte, begann für Mara ihre Arbeit erst. Kochen, waschen, bügeln, putzen und was es sonst noch zu tun gab. Bevor sie diese Belastung gehabt hatte, hatte sie ihren Ausgleich im Malen gefunden. Doch es fehlte ihr nicht nur an Zeit, sondern vor allem an Ideen. Kreativität und Innovation sind nur möglich, wo man Zeit und Raum hat, seine Gedanken frei zu lassen. Doch wenn Mara das versuchte, inmitten der Hektik, dann kam sie nie weit, weil sie sie sofort wieder in die Realität und die mit ihr einhergehenden Notwendigkeiten zurückholen musste. Kein einziges Bild hatte sie mehr gemalt, seit vielen Jahren. Und es geschah völlig unvermutet, dass sie zu erschöpft war, um auch nur aufzustehen. Irritiert sah sie ihr Mann an, fragte, was denn los sei. Und endlich erzählte sie, was sie bisher nicht anzusprechen gewagt hatte. Im Aussprechen merkte sie, es war kein Versagen, nur mehr, als ein Mensch alleine tragen konnte. Das Erstaunlichste allerdings war, dass ihr Mann sie verstand, tatsächlich verstand. „Wir werden das ändern“, versprach er ihr. Bereits am nächsten Tag brachte er seine Frau und die Kinder zu einem großen Haus mit Garten. „Würde es Euch gefallen, von nun an hier zu wohnen?“, fragte er seine Familie, „Mit Menschen, die sich gegenseitig helfen, mit anderen Kindern, mit denen ihr spielen könnt und einem Ort zur Erholung?“ Mit Begeisterung bejahten sie die Frage.

Wenige Monate später, sie hatten sich eingelebt und Mara hatte tatsächlich viel Entlastung erfahren. Wie viel besser geht es doch, wenn Arbeit nicht nur auf einem Schulterpaar, sondern auf mehreren verteilt wird. Die Gemeinschaft, die sie aufgenommen hatte, stellte sich als großer Glücksfall heraus. Am Abend saß Mara an ihrer Staffelei und malte, ohne schlechtes Gewissen, die Gedanken fliegen lassend und voller Freude. „Es ist wunderschön“, ließ sich ihr Mann vernehmen, als sie den Pinsel weglegte und ihr Werk zufrieden betrachtete. „Findest Du?“, fragte sie skeptisch. „Ja, genau das finde ich. Aus diesem Bild spricht genau die Lebensfreude und Verbundenheit, die ich an Dir von Anfang an zu schätzen wusste und die während der letzten Jahre verloren gegangen war“, sagte er ernst. „Und Du, Du hast hier eine Werkstatt, in der Du Deine Erfindungen bauen und ausprobieren kannst. Es kommt mir so vor, als hätte auch Dir dieser Ort zu mehr Zufriedenheit verholfen“, ergänzte Mara. Sanft nahm er seine Frau in die Arme. Mehr Worte waren nicht notwendig, um zu verstehen.

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