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Life is too short for boring stories

Inmitten von Menschen, umgeben, umringt, umzwungen, umzäunt, misstrauisch umschlichen, ängstlich weiträumig umrundet, je nach Temperament, und doch so viel Weite, diese erzwungene Nähe in der Straßenbahn, in der Wartehalle, in der Schlange, im Raucherhäuschen, erzwungene Nähe, die ein Graben ist, zwischen mir und den Umgebenden, Maßlosigkeit heuchelnd, verstummt, zu Boden blickend oder in die Unbestimmtheit, in die Belanglosigkeit.

Und mitten in dieser menschlichen, leiblichen Ansammlung an Belanglosigkeit geschieht eine Irritation. Kaum bemerkbar, fast nur ein Hauch, den ich abschütteln könnte, so tun, als wäre er nicht geschehen. Ignoranz gegenüber dieser hauchfeinen, verblüffend feinen Irritation. Ignoranz gegenüber dem Schmetterlingsflügelschlag des Schicksals. Ignoranz gegenüber einer Aufforderung die trotz ihrer Zartheit und scheinbaren Unbestimmtheit mit aller Eindeutigkeit mich meint. Mich anspricht. Mich fordert. Und ich hebe den Blick aus der Unbestimmtheit, rieche den süßen Duft des Wollens und Gewollt-werdens. Und im Heben des Blickes kriecht er den Boden entlang und folgt dem Abschnitt, an dem sich der Graben schließt, während die anderen bestehen bleiben. Mit aller Eindeutigkeit zeichnet sich ein Weg, funkelnd, fluorisierend inmitten des sozialen Einheitsbreis, und am Ende des Weges, der sich bahnt, dem zunächst mein Blick folgt, um bei Dir anzulangen, geführt durch die Begradigung der Gräben, zu Dir, wo mein Blick sich hebt, an Dir emporrankt, bis zu Deinen Augen.

 

Und Dein Blick ist denselben Weg gegangen, gestrandet wie Schiffbrüchige und doch angekommen. Ob wir es wissen? Du und ich? Ob wir uns bewusst sind, der Tragweite, der Ernsthaftigkeit, des Seins im Moment und des Ausgriffs des Werdens, das daraus erwächst, erblüht? Sind wir uns bewusst, unserer Selbst, und all dessen, das wir mitbringen in diesen Blick, der es vermag die Gräben aufzufüllen, zu begradigen, als hätte es sie nie gegeben?

 

Wir sind es nicht. Wir teilen nicht mehr ein, und können es auch nicht, am Ende des Begradigenden, gibt es keine Kategorien mehr, nur mehr das Spezifische, Einzigartige, das gesprochene, gefundene, gerettete, gestattende Du. Alles andere versinkt in den Gräben, als wir aufeinander zugehen. Ich will nicht wissen was Du vorzuweisen hast, an all dem, dem die Welt so viel Wert beimisst, an Status oder sozialer Stellung oder Rang oder Prestige oder Erfolg oder Besitz.

 

In diesem Blick stehen wir nackt und bloß voreinander, voraussetzungslos, wie es sein sollte. Nackt und bloß, in paradiesischer Unschuld. Wir treten ein, in den durch die Grabenbegradigung ermöglichten, darin in Wirklichkeit setzenden Dialog. Ich will nichts wissen von alledem was Dich vergleichbar macht, von alledem, was Dich in Relation setzen könnte und Dich damit relativiert von vornherein und die eben erst geborene Möglichkeit des Dialogs, des Eintauchens in den Fluss der Worte, des Hin-und-Wieder des Sagens, den Kreislauf des Sich-Sprechens, von ersten Moment an durchbricht, kappt und in der Trostlosigkeit versickern zwingt.

 

Was bleibt, wenn die Belanglosigkeiten des Habens, die Dir nicht nur nicht gerecht zu werden vermögen, sondern Dich zum Es degradierend sirenenhaft kreischend verhöhnen. Wir sind einander wert und würdig, indem wir nichts sind als wir selbst, nichts erwarten, nichts bestimmen, nichts verkünden, nichts proklamieren, und in der Offenheit des sich freispielenden Wassers der Worte der Gegenseitigkeit verlieren ohne uns zu verlieren, vielmehr im Blick der Grabenbegradigung bewusstwerden, indem wir uns Du werden.

 

Der Eintritt in den Dialog, in Freiheit und Wahrhaftigkeit, das Eintauchen in den Fluss der Worte, der uns umspielt geschieht in der Adelung der ersten Ansprache, in der Annahme und im Geschenk, im Du.

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