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Life is too short for boring stories

Und es war, dass er meine Hand nahm, mitten in einem Gespräch. Sacht war seine Berührung, wie nebenbei, wie unbeabsichtigt. Sie durchfuhr mich wie ein Feuerstrahl und eine sanfte Brise. Warm und weich und voller Mitleben war diese Berührung, so dass die Worte, die gerade noch frisch und hell wie ein Gebirgsbach plätscherten, plötzlich verebbten. Und unsere Augen fanden sich, Deine und meine, in diesem Moment. Die Stille umhüllte uns wie ein Mantel, entrückte selbst das Naheliegendste in weite Ferne. Die Sitze vor uns. Die Sitze neben uns. Den Boden unter unseren Füßen. Nichts mehr war da, als die beiden Sitze, auf denen wir saßen. Hochgehoben, wie von Zauberhand, hochgehoben und hinfortgetragen.

„Stört Dich die Stille?“, fragte er, sein Gesicht ganz nahe bei meinem.

„Nicht, wenn sie erfüllt ist mit Möglichkeiten“, hörte ich mich antworten, mit gedämpfter Stimme.

 

So dass wir um das Einverständnis wussten, so dass sich unsere Gesichter noch mehr annäherten, bis die Lippen sich berührten. Und Deine Lippen öffneten die so lange geschlossenen Schleusen in mir. Ein Quell entsprang ihnen, von dem ich trank, der mich labte, meinen Körper und meine Seele und mein Herz. Lebendiges Wasser, das mich durchströmte, in all meinem Sein, all meinem Bei-Dir-Sein. Lebendiges Wasser, nachdem ich so sehr gedürstet hatte, ohne es zu wissen. Ohne es mir einzugestehen. Das mich erblühen ließ. Bunte Blumen. Bunte Möglichkeiten. Und dem Wasser folgte das Feuer, wie dem Tag die Nacht, das mich wärmte und erfüllte und erwachen ließ. So dass ich meine zitternden Hände an Deinen Hals legte, als müsste ich mich vergewissern, dass Du da warst und bliebst. Für diesen einen Moment, von dem ich wünschte, er würde niemals enden. Sacht waren Deine Lippen, zunächst, erkundend, sanft herantastend. Das Wünschen erspüren, das mit dem Erfüllen nicht weniger, sondern mehr wurde. Spielerisch und voller Bedachtsamkeit. Es war, als wäre ich aus einem hundert Jahre währenden Schlaf in einen Traum hinein wachgeküsst worden. Es war, als wäre ich aus einem langandauernden Dämmerzustand ins Leben erweckt worden. Es war, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben spüren. Mit aller Intensität. Mit aller Sanftheit. Und als ich die Augen wieder öffnete, warst Du da, einfach da, und ich war da, und es war kein Traum, und doch ein Traum. Es war ein Miteinander und ein Vertrautsein, als wäre es niemals anders gewesen. Als wäre es je das erste Mal. Und als wir aus dem Zug ausstiegen, da gab es keine Fragen mehr, die nicht beantwortet wären, für diesen Moment der Innigkeit. Es war Deine Hand, die mich führte. Es war Dein Mit-mir-sein, das mich führte. Es war die Selbstverständlichkeit in der Einmaligkeit. Als könnte es nicht anders sein, als wäre es niemals anders gewesen. Als würde es niemals anders sein. Ganz allein für diesen Moment der Verheißung und Erfüllung und Vollendung. Schritte im Gleichklang. Atem im Gleichklang, Herzschlag im Gleichklang.

 

Ich war angekommen, indem ich aufbrach. Und als wir zu Dir gingen, als wir das Haus betraten, die Türe hinter uns schlossen, um die Welt draußen zu lassen, und doch nicht, denn in diesem Moment waren wir uns die Welt, die bekannte und unbekannte, die gesehene und ungesehene. Für einen Augenblick sah ich auf, löste mich, und fragte mich, sollte es denn sein, so wie es ist. Ein Wimpernschlag nur, aber mein Blick traf den Deinen und ich wusste, mit allem was in mir zu wissen fähig war, dass es so sein sollte, dass es das einzig Richtige war.

„Es fühlt sich richtig an. Richtig richtig. Deshalb ist es auch richtig“, dachte ich für mich, ohne es wirklich zu denken, weil ich es war, die Antwort und die Frage, weil Du es warst, die Antwort und Frage, weil wir es waren, die Berührung, die keine Antwort brauchte, weil es keine Fragen mehr gab. Die Vollkommenheit des Kreises. Anfang und Ende in jedem Stück, ein sich verschlingen von Anfang und Ende.

 

Nur ein Wimpernschlag, ein Hauch und dann tauchte ich gänzlich ein, in den Moment, in Dich, ließ mich mit Dir ineinander treiben, von der Lebendigkeit des Wassers, das uns umspülte, das wir uns waren, in uns zu finden, ineinander, vorbehaltslos, rückhaltlos, bedingungslos. Haut auf Haut. Atem an Atem. Herzschlag an Herzschlag. Es war nichts weiter als alles im Moment der Vollkommenheit und der Unendlichkeit.

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