„Zunächst einmal, es ist mir ganz egal, ob Sie mich feuern oder nicht, denn ich werde sicher nicht in einem Haus bleiben, in dem man mit Menschen so umgeht, ganz egal, wer das ist“, erklärte die Dame, die Alexander den Sekt gereicht hatte, „Ich weiß, Sie sind es gewohnt, dass Sie alles dürfen, Sie mit allem durchkommen, weil Sie das Glück hatten, reich geboren worden zu sein. Aber das kann ich Ihnen sagen, nicht jede ist Ihre Bedienstete. Ohne das Geld Ihrer Eltern wären Sie nichts. So ein erbärmlicher Wicht, der würde überall untergehen. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der Reiche alles dürfen und Arme immer kuschen müssen.“
„So ist es, Kleine“, sagte der Bursche, aber schon ein wenig kleinlauter, „Ich habe Einfluss. Und Du wirst auch eine Anzeige bekommen wegen Körperverletzung.“
„Auch das nehme ich in Kauf“, meinte sie achselzuckend, „Doch dafür werde ich der Öffentlichkeit zeigen, wie sich die angebliche Spitze unserer Gesellschaft benimmt. Ich habe alles aufgezeichnet.“ Damit ließ sie den Herrn, der sich für was Besseres hielt stehen und holte ein neues Glas Sekt.
Alexander und Franziska bedankten sich bei der Dame, die sich ihnen als Renate vorstellte.
„Aber jetzt haben sie wegen uns Ihre Arbeit verloren“, wiederholte Franziska, „Das war nicht notwendig.“
„Doch, das war notwendig. Sehr notwendig sogar“, entgegnete sie energisch, „Ich habe den Herrn schon länger im Visier. Es muss diesem Treiben endlich ein Ende gesetzt werden. Es gab einige andere Vorfälle, die ich ebenso auf Video festgehalten habe. Und außerdem werde ich nächsten Monat in einem anderen Theater arbeiten, allerdings als Schauspielerin. Bis dahin wollte ich eigentlich noch bleiben, aber ich hätte das keinen Tag länger ausgehalten. Und es wird auch so irgendwie gehen.“
„In welchem Theater?“, fragte Alexander.
„Sie werden es nicht kennen“, erwiderte Renate, „Es ist ein kleines Theater, doch nun haben wir endlich die Zusage für eine Förderung bekommen. Es ist zwar ein Witz, was wir bekommen, im Gegensatz zu diesem großen Haus, das das Geld nur so zu verschleudern scheint und dann noch solche Inszenierungen …“ Renate unterbrach sich, weil sie sich bewusst war, welchen Fauxpas sie begangen hatte.
„Keine Sorge, wir fanden es auch schrecklich“, entgegnete Franziska, „Es ist nur so schade, weil das unser Lieblingsstück ist. Damals, vor nunmehr 52 Jahren, als wir es das erste Mal gesehen haben, hier in diesem Haus, war es einfach großartig gewesen.“
„Das Stück war großartig, die Inszenierung und dass wir uns kennenlernten“, fügte Alexander hinzu.
„Was für eine großartige Geschichte“, freute sich Renate, „Aber es freut mich, dass wir bei der Aufführung einer Meinung sind. Als Trost bekommen Sie zwei Karten für unsere Premiere. Es wird auch Hanneles Himmelfahrt sein.“
Genau ein Monat später saßen Franziska und Alexander wieder im Theater, aber in einem sehr viel kleineren. Der Zuschauerraum fasste ca. 50 Personen. Renate hatte es sich nicht nehmen lassen, das Paar persönlich zu begrüßen und zu seinen Plätzen zu führen, bevor sie sich auf die Bühne begab. Waren die beiden zunächst ein wenig skeptisch gewesen, so fanden sie bald, dass es die beste Inszenierung war, die sie je gesehen hatten. Da war so viel Feuer, Elan und Begeisterung in ihrem Spiel, dass es ansteckte. Man merkte, dass sehr vieles improvisiert war, denn sie mussten mit geringen Mitteln auskommen. Aber sie hatten weder am Text noch am historischen Hintergrund etwas geändert. Ein Begleittext gab über Gerhard Hauptmanns Leben und das Stück selbst nähere Auskunft. Alles war schlicht, aber echt. Franziska und Alexander waren sich sicher, dass sie dieses Theater noch sehr oft besuchen würden. Nicht nur, weil sie es sich leisten konnten, da die Karten viel billiger waren, sondern weil sie es sich leisten wollten. Und sie konnten damit eine Kultureinrichtung unterstützen, die es sich tatsächlich verdiente.
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