Du erzählst mir, wie toll Du Dich fühlst, weil Du jetzt achtest, auf die Haltung. Deshalb kaufst Du nur Bio-Fleisch oder eines mit einem Gütesiegel versehenes. Schließlich weißt Du da, dass es den Tieren gut geht. Nicht so wie in der Massentierhaltung. Da hast Du letztlich einen Bericht gesehen. So schrecklich, wie es da zugeht, deshalb hast Du beschlossen, Deinen Konsum zu ändern, ein bisschen. Aber diese Zustände, die sind doch die Ausnahme, meinst Du. Denn unsere Landwirt*innen lieben ihre Tiere. Und das bisschen Fleisch, das Du jetzt isst, das schadet ja nicht. Wem auch? Dir auf jeden Fall nicht.
Ich sehe Dich an, während ich Dir zuhöre und denke daran, dass die Tiere, deren bisschen Fleisch Du isst, so wie offenbar alle anderen auch, die nur ein bisschen Tod verursachen, hochgezüchtet und weit vor der Zeit getötet werden. Sie leiden, egal in welcher Form sie ausgenutzt werden. Ich sehe ihre Blicke, ihre Sehnsucht und die Hoffnung, die es trotz allem gibt. Ich sehe die Opfer, Deine Opfer.
Du meinst, dass es Dir in der Seele weh tut, diese Tiertransporte zu sehen, aber die Milch, die lässt Du Dir nicht nehmen. Schließlich geben Kühe sowieso Milch, weil sie eben Kühe sind und dass die Kälber wegkommen, das merken sie gar nicht. Schließlich sind es keine menschlichen Mütter, das ist bloß Instinkt. Und man kann ja die Kälber dabehalten, dann kann man weiter Milch trinken und hat keine Transporte.
Während Du schwadronierst von der gesunden Milch und an den nächsten Latte Macchiato denkst, sehe ich die Mütter, die verzweifelt nach ihren Babies rufen, sehe die verängstigten, einsamen Kinder, die in ihren Kälberiglus vor sich hinvegetieren, ihre großen braunen Augen, die mir stumm zurufen, rette uns, lass uns nicht im Stich. Ich will es ja, aber ich stehe vor einer Mauer an Ignoranz und Egozentrik, die dazu führt, dass man die eigenen merkwürdigen Bedürfnisse sieht. Das, was Du siehst. Ich sehe die Opfer.
Du meinst, dass Dir Fleisch und alle anderen tierlichen Produkte eben schmecken. Deshalb wirst Du es weiter konsumieren, natürlich mit Bedacht und mit Respekt gegenüber dem Tier, aber Du wirst Dir nicht vorschreiben lassen, was Du isst, von niemandem. Es ist völlig egal, was ich zu Dir sage, es endet immer damit, dass Dein Geschmack wichtig ist, Deine Bequemlichkeit, aus Rücksicht auf Deine Angst vor Veränderung. Du denkst an Dich, nur an Dich.
In jeder einzelnen Sekunde, die wir hier mit Deiner Selbstprofilierung verschwenden, in denen Du mir beweist, was Du doch alles richtig machst, werden sie eingepfercht, geschlagen, getreten, liegen gelassen, oftmals krank, sterbend, ausgenutzt, verhöhnt, verlacht, gedemütigt, entwürdigt, enteignet oder einfach im Stich gelassen. Denn ganz gleich, wie die Haltung aussieht, letztlich werden sie nur in ihrem Nutzwert gesehen, während ich die fühlenden, einzigartigen, unschuldigen Lebewesen erkenne, die sie sind. Es wird ihnen genommen, reduziert auf das, was sie uns geben sollen. Ich sehe sie, unsere Opfer.
Ich blicke auf und sehe Dich an. Du verstummst. Ich will nicht mehr darüber reden, was Dir schmeckt, was Du von der und der Art der Ausbeutung hältst, wie Du die Evolution und die Geschichte des Menschen missdeutest, wie Du Dich auf vermeintliche Ernährungsexpert*innen stützt, wie Du Inuit und Steinzeitmenschen bemühst, um Dich zu rechtfertigen, sondern ich will nur mehr über die Opfer reden, will dass Du hinsiehst und erkennst. Ich will mich nicht länger ablenken lassen von all den irrelevanten, kleinlichen Befindlichkeiten und darauf hinweisen, dass es nur eines gibt, das zählt. Das Leben, das so gelebt werden darf, wie es jeder zusteht. So lange Deine Bedürftigkeit dem Leben schadet, ist sie schlicht falsch. Und so lange Du es schaffst, Dich in den Mittelpunkt zu stellen, nur Dich gelten zu lassen, werde ich das Gespräch, die Gedanken zurückführen, auf die, um die es wirklich geht, um die Opfer, Deine Opfer. Ich werde nicht aufhören, zu erinnern, zu ermahnen, zu erzählen und zu erklären. Was Du mit dieser Information machst, ist allein Deine Entscheidung, doch so lange diese Deine Entscheidung Opfer mit sich bringt, werde ich Dich darauf aufmerksam machen. Denn ich rede von den Opfern. Deinen Opfern.

