Vergessen (2)

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Ihr Mann, der er nun nicht mehr war, hatte den Zeitpunkt der Scheidung perfekt gewählt. Die Kinder waren aus dem Haus, also musste er sich nicht mehr kümmern. Und sie selbst war noch jung genug, dass der Gesetzgeber meinte, sie könne sich noch eine Arbeit suchen. Er musste also weder für die Kinder noch für sie Unterhalt zahlen. Doch wie stellte sich der Gesetzgeber das vor? Wie sollte sie eine Anstellung finden? Ihre Ausbildung hatte sie für ihn abgebrochen. „Für den Rest Deines Lebens werde ich mich um Dich kümmern und für Dich sorgen“, hatte er damals versprochen. Nun wusste sie, sein Versprechen war höchstens ein Versprecher. Ohne Ausbildung, ohne jegliche Berufserfahrung blieb ihr nichts anderes übrig, als schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Sie konnte nicht wählerisch sein, musste nehmen, was sie bekam. Ihr Lohn reichte zumeist gerade aus, um sich über Wasser zu halten. Und was war mit ihren Kindern?

Drei von ihnen waren weit weg gezogen. Dort mussten sie sich eine Existenz aufbauen, so dass sie ihrer Mutter auch nicht helfen konnten. Nur ihre jüngste Tochter war in der Nähe. Sie hatte am meisten unter der Ablehnung oder Ignoranz des Vaters gelitten. Als Einzige war ihr auch seine Grausamkeit nicht entgangen. Immer wieder besuchte sie ihre Mutter, doch auch sie musste sehen, wie sie zurechtkam. „So lange ich sie in meiner Nähe habe, hat das Leben noch einen Sinn“, dachte sie oft. Doch dann schlug das Schicksal unerbittlich zu und ihre Jüngste starb durch einen betrunkenen Fahrer. Aus gutem Hause war er, so dass sich das Gericht gnädig zeigte. Doch was war mit der Mutter? Das spielte keine Rolle. Schließlich dürfe man dem jungen Mann die Zukunft nicht verbauen, nicht wegen einer kleinen Torheit.

Während ihr Ex-Mann, der Vater ihrer Kinder, in Saus und Braus mit seiner neuen Frau lebte, die jung, schlank und kostspielig war, war ihr Leben geprägt von dem alltäglichen Kampf ums Überleben. Noch schlimmer wurde es, als sie in Pension ging, denn nachdem sie in den wenigen Jahren, in denen sie berufstätig war, nur schlecht verdient hatte, bekam sie gerade mal die Mindestpension. Sie hatte inzwischen gelernt, mit wenig auszukommen. Dabei war die finanzielle Not noch gar nicht das Schlimmste. Es war ihr, als würde sie für andere nicht mehr existieren. Alt und verbraucht wie sie war, würdigte sie niemand eines zweiten Blickes. Pikiert wandten sich die meisten ab, die sie sahen. Und irgendwann wurde sie überhaupt nicht mehr gesehen. Es war, als wäre sie schlicht vergessen worden. Ein Vergessen, das Menschen auslöschen kann, während sie noch leben. Tag um Tag wurde sie unsichtbarer. Tag für Tag löste sie sich mehr auf.

Vergessen ist so leicht in unserer Zeit. Menschen, die keinen Nutzen für andere haben. Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht am sozialen Leben teilhaben können. Menschen, die aufgrund ihrer äußeren Erscheinung andere abstoßen. Menschen, die aufgrund eines körperlichen Makels oder Defekts nicht so waren wie alle anderen. Sie alle werden einfach vergessen. Niemand interessiert sich oder will mit so jemanden etwas zu tun haben. Beleidigungen taten weh, Schmähungen verfehlten die intendierte Wirkung nicht und pikierte Äußerungen trafen. Doch all das war ein Zeichen, dass man für andere noch existierte. Doch wenn auch das ausblieb, dann war man gänzlich ausgeschlossen, nicht mehr existent, schlicht vergessen.

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