Ein wunderschöner, sonniger Tag. Es wurde vereinbart, Essen zu gehen. Zehn Menschen mit den verschiedensten Ernährungsgewohnheiten, wollten dies gemeinsam tun. Lange wurde überlegt, wohin man denn gehen könne, damit jede etwas essen „könne“. Endlich schlug jemand vor ins Steakhouse zu gehen, denn dort gäbe es von Insekten über Fleischspeisen bis zu veganen Gerichten alles, was man sich wünschen könnte. Die nahegelegene Stadt, in der dieses Steakhouse lag, hat rund 47.000 Einwohner, ist also als eine mittelgroße Stadt für österreichische Verhältnisse zu bezeichnen. Dennoch gibt es nur ein Restaurant, das eine eigene vegane Karte hat und das ist besagtes Steakhouse.
Wir hatten gerade Platz genommen und die Getränke bestellt, als ein Paar den Gastgarten, den wir wegen des guten Wetters frequentierten, betrat. Diesem Paar konnte man ansehen, dass sie kulinarischen Genüssen nicht unbedingt abweisend gegenüberstanden, wenn dieser Schluss den zulässig ist. Beide hatten eine eher ausladende Figur. Sie setzten sich an den Tisch, der direkt neben unseren stand. Wie auf allen anderen lagen auch dort zwei verschiedene Speisekarten, eine konventionelle, gedacht die fleischessenden Menschen anzusprechen und eine vegane, die allerdings auch von anderen als jenen, die sich pflanzenbasiert ernähren, betrachtet und deren Auswahl auch in Anspruch genommen werden darf, mit der Betonung auf darf. Grundsätzlich sagt diese Art der Präsentation aus, dass man sich sowohl solche Gerichte, die tierliche Inhaltsstoffe enthalten, als auch solche ohne dieselben bestellen kann. Es ist also eine Möglichkeit, die einer geboten wird. Dieses Paar nahm an besagtem Tisch Platz. Dann runzelten beide die Stirn, verzogen angewidert den Mund, als hätten sie in einen Leichenteil gebissen, standen gleichzeitig auf, warfen die grüne Karte, also die vegane, erbost auf den Tisch und sahen die Kellnerin, die soeben gekommen war, um ihre Getränkewünsche entgegenzunehmen, bitterböse an. Ihr Blick zeigte Irritation, während ich amüsiert beobachtete, was da geschah.
„Das lassen wir uns ganz bestimmt nicht gefallen“, fuhr der männliche Teil des Paares die Bedienung an.
„Richtig, da geht man in ein Steakhouse, extra in ein Steakhouse, und dann das. Als wenn wir damit nicht schon genug Ärger hätten“, unterstützte der weibliche Teil des Paares den männlichen.
„Darf ich fragen, was sie stört?“, fragte die Kellnerin verwundert nach.
„Was uns stört? Was uns stört? Das fragt sie auch noch!“, entfuhr es dem Mann, „Sehen Sie, was auf dieser Karte steht? Vegan!“, wobei er letztes Wort richtig ausspie, als würde es ihm Übelkeit bereiten, „Überall sieht man es schon, überall hört man es und dann will man nichts anderes, als in aller Ruhe ein Steak essen, sozusagen unter Gesinnungsgenossen, die diese Mangelernährung ebenso ablehnen wie wir und dann gibt es da ein veganes Angebot. Wir sind, gelinde gesagt, empört.“
„Aber das ist ja nur ein Angebot“, erklärte die Kellnerin etwas hilflos, „Sie müssen das ja nicht in Anspruch nehmen, sondern können auch ihr Steak in gewohnter Qualität essen.“
„Ja, aber diese Bevormundung, allein durch die Karte, dass es die überhaupt gibt“, erklärte die Dame, „Damit wird ja gesagt, ihr wollt auch diese Kreaturen als Gäste haben. Und wir haben keine Lust, diese letzten Refugien anständiger Esskultur nicht mit diesen Miesmachern teilen. Wissen Sie, was so ein veganes Individuum letztens zu uns meinte? Vegan wäre gesund und gut für die Tiere und gut für die Umwelt. Die wollen uns doch allen Ernstes einreden, dass wir uns nicht gesund ernähren, nichts für die Umwelt übrig haben und wir Tiere nicht lieben. Die wollen uns unser Fleisch verbieten. Stellen Sie sich die Frechheit vor. Und nun das hier.“ Es war der Moment, in dem ich nicht mehr an mich halten konnte und mich in das Gespräch einmischte, wohl auch, weil mir die Kellnerin schon so leid tat, die etwas abbekam, was sie nicht verdient hatte.
„Erstens kann die Dame, die Sie um ihre Bestellung fragt, nichts dafür, dass Sie ein Problem mit einem veganen Angebot haben. Also ist es recht unfair, sie damit zu belästigen“, warf ich ein, „Und zweitens würde ich gerne wissen, an welcher Stelle die Aktivistin, die über vegane Ernährung sprach und deren Vorzüge hervorhob, ein Verbot ausgesprochen hat.“ Damit hatte ich erreicht, was ich wollte, denn sie zogen ihren Groll von der armen Kellnerin ab und ließen diese Art der Aufmerksamkeit ungeteilt mir zukommen.
„Siehst Du“, sagte der Mann zur Frau, „Das ist auch eine von denen. Wenn sie die mal reinlassen, die einem ständig ein schlechtes Gewissen machen wollen, dann kommen wir hier nie wieder her. Nie wieder!“ Damit verließen sie, immer noch keuchend ob der Anstrengung, die sie auf sich genommen hatten, den Gastgarten.

