„Ich werde Dich Bella nennen, meine Schöne“, hatte er bei ihrer ersten Begegnung gesagt, „Arabella, das ist so sperrig.“ Und sie hatte gelächelt und es schön gefunden. Er schaffte es tatsächlich, alles in ein Kompliment zu verpacken. „Ich werde Dich immer beschützen und auf Dich aufpassen“, hatte er ebenfalls gesagt und sie hatte ihm geglaubt, denn er war ein großer, starker Mann, sportlich und trainiert. Das war die vielgepriesene starke Schulter, an der sie sich anlehnen würde können. „Du wirst immer ein schönes Leben haben, ein Haus, ein Pool, zwei Kinder und wirst Dir um nichts Sorgen machen müssen. Ich kümmere mich um alles“, hatte er versprochen.
Jetzt, 20 Jahre später, wusste sie genau, was er mit diesen wohlklingenden Worten gemeint hatte. Nicht, dass er gelogen hätte, doch was er mit diesen Vorschlägen verbunden hatte, das war etwas gänzlich Anderes gewesen, als sie verstanden hatte.
Miteinander, Gemeinsamkeit, Verbundenheit und Freude auf Augenhöhe, das hatte sie mit seinen Worten in Zusammenhang gebracht. Was daraus geworden war, das war etwas gänzlich Anderes.
„Ich muss immer wissen, wo Du bist“, erklärte er ihr, als sie eines Tages später als sie gesagt hatte, mit den Kindern nach Hause kam, weil sie spontan bei einer Freundin auf einen Kaffee eingekehrt war, „Das geht so nicht, dass Du später kommst, denn wenn ich nicht exakt weiß, wo Du bist, kann ich Dich nicht beschützen.“
Und das war kein Schutz mehr, sondern Kontrolle. Die Stäbe, die sie schon seit einigen Jahren umgeben hatten, wurden sichtbar.
„Wenn ich nach Hause komme, hast Du dafür zu sorgen, dass die Kinder ruhig sind, denn da muss ich mich ausruhen“, erklärte er ihr, als ihr gemeinsamer Nachwuchs groß genug war, auch seine Aufmerksamkeit einzufordern, „Alles andere ist rücksichtslos von Dir.“
Da erkannte sie, die Stäbe waren nicht nur vereinzelt da, sondern er hatte einen massiven Käfig um sie gebaut, der gerade so viel Spielraum ließ, wie sie brauchte, um die Kinder zu versorgen, den Haushalt zu machen und ihrer Arbeit als Physiotherapeutin nachzugehen.
„Du kannst Dir nicht einfach eine schöne Zeit machen und meinen, ich würde irgendetwas im Haushalt machen“, meinte er weiter, „Denn schließlich hast Du mir das Haus, den Pool und die Kinder zu verdanken.“
Es war ein Schloss an dem Käfig, das ihn geschlossen hielt.
„Es kann nicht sein, dass Du nicht immer zu meiner Verfügung stehst“, erklärte er ihr, „Dafür bringe ich Geld und meine Anwesenheit.“
Als wenn sie etwas hätte von seiner Anwesenheit. Zwanzig Jahre hatte sie ihren Teil getragen, ihr Auskommen selbst gehabt, den Haushalt versorgt und die Kinder. Als wenn das alles nichts wert gewesen wäre. Es war nicht einmal ein goldener Käfig, in den sie sich setzen ließ, sondern ein eiserner, der längst verrostet war. Resigniert lehnte sie den Kopf an das Schloss und es sprang auf. Da erkannte sie, dass sie zwar im Käfig saß, aber eine Alternative hatte. Sie öffnete den Käfig, packte, ihre Sachen und die Kinder und ging.
Die Möglichkeit hätte sie immer gehabt, aber Pflichtbewusstsein hatte sie zurückgehalten. Auch das Gefühl, dass sie ihm was schuldig war. Doch sie hatte ihm alles gegeben. Es war nur nichts zurückgekommen. Während er sein Leben so verbrachte, wie es ihm gefiel, nach Hause kam, wann es ihm passte oder auch nicht, hatte sie alles am Laufen gehalten. Doch ihr war endlich klar geworden, dass ihre Arbeit, ihr Einsatz und ihr Engagement genauso viel Wert waren wie das, was er einbrachte.
„Du hast mich klein gehalten, kontrolliert, abgeschnitten von der Außenwelt, so weit es ging, reglementiert und ausgenutzt“, las er in dem Brief, den sie ihm hinterlassen hatte, „Sogar meinen Namen hast Du beschnitten. Ich heiße nicht Bella. Ich heiße Arabella. Und genau so groß wie mein Name, den ich wiedergefunden habe, fühle ich mich, jetzt, da ich es geschafft habe den Käfig, in den Du mich gesteckt hast, zu verlassen.“
Stirnrunzelnd las er den Brief ein zweites Mal, bevor er ihn sinken ließ. Er verstand es nicht. Aber es war nichts anderes zu erwarten gewesen.


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