Zum Welttag der Stimme
Es war ein Gespräch am Morgen. Und plötzlich war sie wieder da, diese Vergangenheit, die heute so gerne verklärt wird.
Meine Mutter erzählte.
Geboren 1949. Land. Wirtshaus. Arbeit. Gewalt.
Ein Vater, der schlug.
Eine Mutter, die blieb.
Nicht, weil sie wollte.
Weil sie musste.
Kein eigenes Konto.
Kein Zugriff auf Geld.
Keine Möglichkeit zu gehen.
Als sie sagte, sie könne nicht mehr, wurde sie zurückgeschickt.
Zurück in die Gewalt.
So war das damals.
Und das war kein Einzelfall.
Das war Struktur.
Und genau diese Zeit wird heute wieder beschönigt.
Von jenen, die von „traditionellen Werten“ sprechen.
Von jenen, die behaupten, früher sei alles geordneter gewesen.
Von jenen, die heute Frauenhäuser infrage stellen.
Ja – auch von Politikerinnen und Politikern der FPÖ.
Aber nicht nur.
Auch aus der ÖVP kamen und kommen Stimmen,
die Gewalt relativieren,
die Verantwortung verschieben,
die so tun, als sei der Schutz von Frauen ein Angriff auf die Familie.
Und das ist kein Zufall.
Das hat Geschichte.
In Österreich wurde Vergewaltigung in der Ehe erst spät als Straftat anerkannt.
Und es waren nicht die konservativen Kräfte, die das vorangetrieben haben.
Es war eine SPÖ-Alleinregierung.
Und eine Ministerin wie Johanna Dohnal,
die gegen massiven Widerstand durchgesetzt hat,
dass Frauen auch innerhalb der Ehe ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung haben.
Man muss sich das heute einmal vor Augen führen:
Dass es überhaupt eine politische Debatte darüber gab,
ob ein Mann seine Ehefrau vergewaltigen darf.
Und dass darüber gelacht wurde.
Gelacht.
Das ist keine ferne Vergangenheit.
Das ist die Grundlage der Gegenwart.
Wenn heute behauptet wird, Frauenhäuser würden Familien zerstören,
dann knüpft das genau an diese Haltung an.
Dann wird wieder das Gleiche gesagt – nur in anderen Worten:
Die Frau soll bleiben.
Aushalten.
Funktionieren.
Und wenn sie geht,
ist sie schuld.
Was dahinter steckt, ist kein Zufall.
Es ist ein Denken.
Ein Denken, das Frauen nicht als eigenständige Menschen sieht,
sondern als Teil von etwas:
der Familie,
dem Haushalt,
dem Mann.
Als etwas, das dazugehört.
Und genau hier kommt dein Gedanke ins Spiel, der alles auf den Punkt bringt:
Es geht um Eigentum.
Nicht im juristischen Sinn.
Aber im sozialen.
„Meine Frau.“
Wie man sagt:
mein Haus,
mein Auto,
mein Besitz.
Und mit Besitz – so die Logik – kann man machen, was man will.
Diese Logik ist alt.
Und sie ist zäh.
Sie verschwindet nicht, weil Gesetze sich ändern.
Sie verschwindet nur, wenn man sie benennt.
Denn was passiert heute?
Eine Frau wird geschlagen.
Gedemütigt.
Bedroht.
Sie flieht.
Sie geht ins Frauenhaus.
Sie rettet sich.
Und dann heißt es:
Sie zerstört die Familie.
Nein.
Die Familie ist längst zerstört.
Zerstört durch Gewalt.
Zerstört durch Angst.
Zerstört durch Macht.
Was zerstört wird, wenn eine Frau geht,
ist nur die Fassade.
Und genau diese Fassade wird verteidigt.
Von politischen Kräften,
die lieber über „Werte“ sprechen
als über Machtverhältnisse.
Von jenen, die Gewalt individualisieren,
statt sie als strukturelles Problem zu erkennen.
Und von jenen, die lieber neue Feindbilder erfinden,
als sich mit den eigenen auseinanderzusetzen.
Denn es ist einfacher zu sagen:
Die Gewalt kommt von außen.
Als zu sagen:
Sie war immer hier.
Die Geschichte meiner Mutter ist kein Einzelfall.
Sie ist Teil dieser Gesellschaft.
Und jede Frau, die heute flieht,
trägt diese Geschichte mit sich.
Die Stimme der Vernunft ist heute keine versöhnliche Stimme.
Sie ist eine klare.
Sie sagt:
Die Vergangenheit war nicht besser.
Sie war brutaler – und stiller.
Sie sagt:
Gewalt ist kein Import.
Sie ist Teil unserer Geschichte.
Und sie sagt:
Wer Frauenhäuser angreift,
greift nicht die Familie an.
Er schützt die Gewalt,
die sich Familie nennt.
Und vielleicht ist das der wichtigste Satz überhaupt:
Eine Frau gehört niemandem.
Und genau das ist es,
was manche bis heute nicht akzeptieren wollen.


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