Sophie erinnerte sich, dass Helena im Kindergarten die ruhigen Spiele bevorzugte. Sie schob Puppenwägen durch die Gegend und ging den Buben möglichst aus dem Weg. Dem gegenüber tobte Sophie, kletterte auf Bäume und hatte auch kein Problem damit, sich schmutzig zu machen. Doch eines Tages, da wurde Helena von einem Burschen, er hieß Jakob, belästigt wurde. Er musste wohl seine Macht und seine Überlegenheit demonstrieren. Da stellte sich Sophie dazwischen und wies Jakob in seine Schranken. Damit begann ihre Freundschaft, in der Sophie automatisch den Part der Beschützerin übernahm und Helena das zu schätzen wusste. Jetzt fragte sich Sophie, ob das wirklich gut war, denn damit hatte sie letztlich nur bestätigt, dass Helena nicht in der Lage war, sich zu behaupten. Vielmehr brauchte sie jemanden, der das für sie übernahm. Bis sie ihren Mann kennenlernte hatte Sophie diese Aufgabe übernommen. Das war wohl das Geheimnis ihrer Freundschaft. Aber hatte sich damit nicht deren Grundlage in Luft aufgelöst?
„Du, ich muss mit Dir reden“, riss Helena Sophie aus ihren Gedanken, „Mein Mann meint, dass der Umgang mit Dir nicht gut für mich ist.“
„Warum meint er das?“, fragte Sophie, die sich wie vor den Kopf gestoßen fühlte. Eigentlich hatte sie es erwartet, denn sie hatte den Mann, mit dem Sophie tatsächlich verheiratet war, natürlich kennengelernt. Mehr noch, sie hatten miteinander geredet. Er war einer von denen, die meinten, die Frau dürfte sich nur um sie kümmern und die Angetraute meinte, sie müsste Freundinnen haben, auch wenn der holde Gatte genug sein müsste, dann solche, die ihr keine Flausen in den Kopf setzte, wie Emanzipation oder Unabhängigkeit oder dergleichen Unsinn mehr. Reinhard, so hieß dieses Exemplar der Krone der Schöpfung, war der Ansicht, dass Frauen an den Herd gehört, geschützt, geleitet und bevormundet vom Mann. Bei einem Gespräch hatte Sophie darauf hingewiesen, dass weder Mann noch Frau mehr oder weniger wert wären, dass sie sich in gleicher Weise in der Gesellschaft einbringen sollten, auch politisch. Die Familie wäre eine ökonomische Einheit, die die Frauen vom Mann abhängig macht. Ja, der Kapitalismus benötigt die unentgeltliche Carearbeit der Frau, um zu funktionieren. So ist auch die Ehe bloß eine ökonomische Vereinbarung, bei der die Frau ins Eigentum des Mannes übergehe und damit Macht und Unterdrückung erst möglich macht. Aber selbst wenn die Frau innerhalb des bürgerlichen Konstrukts Ehe einer Erwerbsarbeit nachgehe, ändere das nichts von der Abhängigkeit vom Mann, da sie sich diese noch zusätzlich zu Hausarbeit und Kinderbeitreuung aufhalse. Letztlich diene Art der Befreiung der Frau ihrer weiterreichenden Unterdrückung. Es handelt sich um eine Reform, die dem Kapitalismus in die Hände spielt und keine strukturellen Veränderungen bewirke. Deshalb seien die modernen Debatten über Vereinbarkeit von Beruf und Familie idealistisch und gingen an der Lebenswirklichkeit vorbei. All die Frauen, die Vollzeit arbeiten und unbezahlte Care-Arbeit leisten, erfahren Tag für Tag, dass die strukturelle Benachteiligung bliebe. D.h. die Falle in die der bürgerliche Feminismus gehe, ist die des kapitalistischen Grundprinzips der Aufrechterhaltung der Reservearmee an Arbeitskräften. Dadurch, dass Frauen für den Arbeitsmarkt verfügbar gemacht werden, ist es möglich, die Lohnforderungen moderat zu halten. Grundübel sei das Konstrukt „bürgerliche Kleinfamilie“, die auch nur ein Produkt der Klassengesellschaft sei. Es werde zwar gerne behauptet, dass sie die „natürliche“ Form menschlicher Beziehungen sei, aber tatsächlich natürlich wäre die gesellschaftliche Zusammenarbeit. Das alles hatte sie Reinhard gesagt, der sie dann eine zerstörerische Emanze schimpfte, die die Frauen gegen die Männer aufhetzen wolle. Damit hatte er sich umgedreht und war gegangen.
„Nun, er meint, dass Du mir Flausen in den Kopf setzt und mich gegen ihn aufhetzt“, erklärte Helena. Als sie Sophies traurigen Blicks gewahr wurde, setzte sie hinzu: „Ich weiß schon, dass Du das nicht machst, aber er ist jetzt eben meine Familie und ich muss mit ihm leben. Es tut mir sehr leid und ich bin Dir auch sehr dankbar, aber ich weiß, Du verstehst das.“
„Ja, ich verstehe, dass er es tatsächlich schafft, Dich unter dem Vorwand der romantischen Liebe zu isolieren und Dich damit nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial von ihm abhängig zu machen“, fasste Sophie ihre Gedanken zusammen.
„Aber so ist Familie nun mal. Was wäre denn die Alternative?“, fragte Helena und ließ Sophie innehalten, die bereits aufgestanden war und sich zum Gehen angeschickt hatte.
Ja, was wäre die Alternative? Das erfahrt ihr im dritten Teil von „Die Feminismus-Falle“, hier auf novels4u.com. Du möchtest keinen Post mehr versäumen? Dann abonniere den Blog und Du wirst immer sofort nach Erscheinen eines weiteren Artikels informiert.


Kommentar verfassen