Der Herr, der mit bürgerlichem Namen Karl Habsburg-Lothringen heißt, sollte doch gefälligst mit „Seine Kaiserliche Hoheit“ angesprochen werden, hieß es in einer heftigen verbalen Auseinandersetzung nach einem Interview mit dem guten Herrn, der nebenbei lapidar erwähnte, dass seine Familien die Kronjuwelen gestohlen hatte, pardon, sie hat gerettet, was sie als ihr Eigentum sah, weil es ihnen immer schon gehörte. Doch nicht nur der Kaiserspross wird von den Menschen, die sich der Monarchie trotz Abschaffung im Jahr 1919, immer noch stark verbunden fühlen, vehement verteidigt in seinen vermeintlichen Würden und Titeln. Auch ein gewisser Alfons Mensdorff-Pouilly, der übrigens mit vollem Namen Alfons Eduard Alexander Antonius Maria Andreas Hubertus Christoph Mensdorff-Pouilly heißt, was darauf hindeutet, dass er respektive seine Eltern, sich eine Menge Vornamen leisten konnten, im Gegensatz zum gemeinen Pöbel, oder es spricht schlicht für deren Entscheidungsträgheit, aber eben jener lässt sich gerne mit seinem angeblichen Titel, nämlich Graf ansprechen. Selbiges gilt für den Herrn Max Meyr-Melnhof, der gerne als Baron tituliert wird und tatsächlich ein gewichtiges Wort in Salzburg führt. Die ÖsterreicherInnen mögen ihre Adeligen, wohl vor allem, weil sie die Machtallüren eines inzestiösen, gierigen Adelswahns und dem entsprechende Unterdrückungssituationen nicht kennen. Es wird zu etwas Romantischen in Sissi Manier verklärt, hoheitsvoll und maniriert. Also warum nicht die Titel wieder geltend machen, denn das war ja immer schon so.
Am Schloss des guten Herrn Baron findet sich ein Baugerüst. Auf dem Gerüst sind Arbeiter zugange, aus der Sicht des Adeligen, die Untertanen, die sich übrigens weitgehend gegenüber dem Herrn noch so benehmen, wie ich beobachten durfte, was recht drollig sein könnte, wäre es nicht eigentlich sehr traurig. Da begibt sich eine holde Maid aus dem Schloss, um mit ihrem Körbchen, angetan mit einem hübschen, luftigen Kleidchen, den nahegelegenen Ort zu besuchen. Dazu muss sie die Seite des Schlosses passieren, an dem das Gerüst aufgebaut ist. Die Bauarbeiter erblicken das Mädchen im luftigen Kleidchen und was sie sehen, gefällt ihnen. Dieses Gefallen bringen sie auf verschiedenste Weise zum Ausdruck. Die, die weiter weg sind, pfeifen ihr hinterher. Jene, die näherstehen, geben Laute des Begehrens von sich. Und einer, ein ganz dreister, verpasst ihr einen leichten Klaps auf den Hintern. Und was tut dieses dumme Gör angesichts all dieser tiefschürfenden Komplimente? Sie rafft ihre Röcke und flieht. Den Rückweg wird sie wohl anders wählen. Aber das war doch alles harmlos und nett gemeint. Man wird doch wohl noch ein Kompliment von einer Übergriffigkeit unterscheiden können. Und überhaupt, die Herren der Schöpfung können schließlich ihr Testosteron nicht ausschwitzen. Und warum nicht die Deutungshoheit über weibliche Menschen an sich reißen, denn das war ja immer schon so.
Am schönsten am immer schon so sind die sog. Traditionen, also Handlungsmuster, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen etc., die weitergegeben werden, vererbt von Generation zu Generation. Wie die Gatterjagd, ein Adelsprivileg, das der Lust am Morden dient. Oder der Singvogelfang, die sog. Jagd der kleinen Leute, bei der hübsche, kleine Vögelchen zur Unterhaltung der Menschen eingesperrt werden. Oder die Fiaker, die aus einer Zeit stammen, zu der es noch keine motorisierten Wägen gab und heute so nutzlos sind wie der Blinddarm. Oder dass Gänse gestopft werden, eine kranke Fettleber zu produzieren für die Gourmets. Oder das Anbringen eines Rinder- oder Schweinekopfes am Gartenzaun eines Mannes, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht und noch nicht verheiratet ist. Oder die Sehnsucht nach einer starken Persönlichkeit, die die politischen Agenda mit Umsicht in die Hände nimmt. Wie eine überdimensionierte Vaterfigur. Und warum nicht die Traditionen behalten, die doch so schön sind, denn es war ja immer schon so.
Deshalb behalten wir bei, was angeblich immer schon so war, zumindest so lange wir denken können, was nicht allzu lange ist, ganz gleich ob es letztlich sinnvoll ist oder nicht, gut ist für Mensch und Gemeinschaft oder nicht, denn was braucht man das hinterfragen. Was für unsere Vorfahren gepasst hat, muss es doch für uns auch. Schließlich würde niemand auf der Welt etwas Schlechtes weitervererben. Es ist auch lästig, nachzuforschen, was daran stimmt und was nicht. Da ist es doch viel einfacher und bequemer, es zu übernehmen. So wird nicht das große Werk der Kunst, die Religion zur Unsterblichkeit verdammt, sondern bloß eines: die Angst vor Veränderung und das was immer schon so war.


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