Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Helena legte die kleine Kinderdecke, die sie im neuen Bettchen für ihr Kind, das bald zur Welt kommen würde, gekauft und das ihr guter Mann zusammengebaut hatte, sorgfältig zusammen. Dann entrang sich ihrem Inneren ein tiefer, wohliger Seufzer. Schließlich hatte sie es geschafft. Sie befand sich am Ziel all ihrer Wünsche, also aller, die wohl jedes Mädchen hegt, sobald sie so richtig ordentlich sozialisiert ist, in unserer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft. Diese Wünsche bestanden in einer guten Partie zu machen, wie es so schön heißt, also einem ökonomisch potenten Mann zu ergattern. Mit diesem ein Eigenheim zu beziehen, um das sie sich hingebungsvoll kümmern konnte, so wie eben jenen Mann, der von da an Bett und Tisch mit ihr teilen würde. Und natürlich der obligatorische Nachwuchs, der es ihr erlaubte, den Beruf, den sie sowieso nur zur Überbrückung bis zur Ankunft des ersten Kindes eingenommen hatte, an den Nagel zu hängen, um fortan alle weiblichen, genetisch grundgelegten Fähigkeiten auszuleben, also Haus- und Sorgearbeit. Das alles hatte sie erreicht. Kein Wunder, dass sie fröhlich vor sich hinsang.
Ein Läuten, das ganz offensichtlich von der Türe kam, riss Helena aus rosigen Träumen von Ausfahrten mit dem Kinderwagen, Einkaufen von putzigen Babygewändern oder den zufriedenen Blick ihres Mannes, wenn er, abgekämpft am Abend nach Hause kam und ein wunderbares Essen, ein blank geputztes Eigenheim und einen friedlichen, da schlafenden Säugling vorzufinden. Und es würde ein Stammhalter sein, ein kleines Männchen. War das nicht wunderschön, Familie als Hort der Zufriedenheit und des guten Lebens. Doch vorerst öffnete sie die Türe. Davor stand, wie verabredet, Sophie, Helenes beste Freundin seit Kindertagen. Spontan umarmte die umtriebige endlich Hausfrau und baldige Mutter, die Freundin, der sie sich seit dem Kindergarten innig verbunden fühlte.
„Hallo Helena“, sagte Sophie, nachdem sie sich aus der Umarmung ihrer Freundin gelöst hatte. Sie war keine große Freundin von überschwänglichen Gesten, aber sie wusste, dass Helena es mochte. Deshalb ließ sie es zu.
„Hallo Sophie“, erwiderte Helena lächelnd, „Schön, dass Du da bist. Komm doch rein. Ich habe im Wohnzimmer gedeckt, Kaffee und Kuchen.“ Damit führte sie Sophie in den benannten Raum und sie nahmen Platz. Helena wurde eine Tasse dampfenden Kaffees hingestellt und daneben ein Teller mit Kuchen.
„Wie geht es Dir?“, fragte Sophie, „Du siehst gut aus. Wie lange wird es noch dauern, bis Du Deinen Körper wieder für dich alleine hast?“
„Du immer mit Deinen witzigen Formulierungen!“, winkte Helena kichernd ab, „Der errechnete Geburtstermin ist in zwei Wochen. Jetzt habe ich noch genug Zeit, mich richtig einzurichten. Und es geht mir wunderbar. Das Leben ist so schön, ich bin verheiratet, sitze in einem hübschen Haus und freue mich auf unser erstes Kind.“
Sophie hörte sich das an. Es war natürlich nichts Neues für sie, denn so lange sie Helena kannte, begleiteten sie diese Wünsche. Schließlich war ihre Mutter auch eine Hausfrau und Mutter von sechs Kindern. Dies war allerdings dem Umstand geschuldet, dass die ersten fünf Kinder bloß Mädchen waren. Erst das sechste hatte die, zum vollständigen Menschsein notwendige Ausstattung. Damit endete der Kindersegen und die Besuche des Vaters in Mutters Bett. Trotz aller Entbehrungen, Abhängigkeit und Belastungen spielte Helenas Mutter den Mädchen immer das Märchen des geglückten Lebens vor, in dem man heiratet, Kinder bekommt und dem Mann in allem folgt, was er möchte. Spannend war, dass allerdings nur Helena dies so sehr verinnerlichte, dass es für sie tatsächlich alternativlos erschien. Sophie war ganz anders. Auch ihre Mutter war Hausfrau, Mutter und Ehefrau gewesen. Doch im Gegensatz zu Sophies Mutter, hatte sie ihren beiden Töchtern immer gesagt, sie sollten nicht so dumm sein wie sie selbst. Deshalb war es ihr auch so wichtig, dass ihre Mädchen eine gute, solide Ausbildung machten, um finanziell tatsächlich unabhängig zu sein. Natürlich kann man Glück haben und einen Mann ergattern, der die Arbeit im Haus zu würdigen weiß, aber zumeist verwandelte sich selbst der gutmütigste unter ihnen zum Pascha, sobald er sich seiner Macht und der Unterdrückung gewahr war. Dennoch waren sie bis heute beste Freundinnen. Wie war das nur gekommen und warum funktionierte das, fragte sich Sophie nicht zum ersten Mal, doch noch eindringlicher, angesichts des Heimes und der lächelnden Helena.
Wie kann es sein, dass zwei so unterschiedliche Frauen eine lange Freundschaft pflegten? Die Antwort gebe ich im zweiten Teil, den Du hier findest.
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