Adel enthemmt (2)

Bild von NOVELS4U | Daniela Noitz | vegan | Offizielle Webseite | novels4u.com - Daniela Noitz Adel enthemmt

Graf Wenzel Weinrich von Wallraff Wölfering war sich seiner Wirkung sehr genau bewusst. Schließlich war ihm sein ganzes Leben lang gesagt worden, dass er als Mensch mehr zählte als die anderen. Das hatte er so sehr verinnerlicht, dass es ihm nicht schwer fiel in jeder Begegnung als der aufzutreten, der wichtig war. Und daran änderte der Wegfall des Titels auch nichts. Es war diese Art des Selbstbewusstseins, das man geschenkt bekommt und nicht erlernen kann. So konnte er in der Miene der Vorzimmerdame auch lesen, wie beeindruckt sie von ihm war. Ob es nun stimmte oder nicht tat nichts zur Sache, denn es genügte, es sich einzubilden, um entsprechend zu agieren. Es handelte sich quasi um eine selbst hervorgerufene sich selbst erfüllende Prophezeiung. „Meine Gute“, begann der Adelsspross mit paternalistischen Wohlwollen, „Ich habe einen Termin bei Fr. Dr. Daria Bernstein. Wenn Sie so gütig wären, mir den Weg zu weisen. Sie hat das Vergnügen, mich zum Doktorat zu führen.“

„Aber natürlich“, meinte das Mädchen im Vorzimmer, um dann dienstbeflissen vor ihm her zum Labor der Fr. Dr. zu wuseln. Nachdem er sich angemessen knapp bedankt hatte, fand er sich in dem Labor alleine. Es war unglaublich, dass die Fr. Dr., Lehrstuhl hin oder her, Koryphäe auf ihrem Gebiet oder nicht, ihn warten ließ. Denn nichts wog so viel wie seine Herkunft. Dabei musste er unwillkürlich an seine Mutter denken, die sich gräflich amüsierte, als er ihr erzählte, er wolle doch ernsthaft einen Beruf ergreifen, also gegen Bezahlung arbeiten, auch wenn es sich um eine Doktorandenstelle handelte. „Die von Wallraff Wölfering hatten es noch nie notwendig gehabt zu arbeiten. Ich meine, das was Du da verdienst, das ist doch quasi ein Trinkgeld.“ Wohl hatte sie recht, was der Sohn auch bestätigte, aber er wusste ihr zu versichern, dass er nicht arbeiten ginge, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sowas machen normale Menschen, nicht er. Nein, er wollte dereinst ein weltberühmter Wissenschaftler werden und für irgendeine bahnbrechende Entdeckung den Nobelpreis zu erhalten. Das fand sogar seine Mutter angemessen. Und nachdem er das Studium mit Bravour für sich abschließen ließ, also mit der richtigen Unterstützung, gedachte er für seinen Doktortitel ebenso zu verfahren. Da wurde ihm plötzlich bewusst, dass er doch nicht alleine war. Im hintersten Eck stand eine Frau mit weißem Kittel, kurzgeschorenen schwarzen Haaren, Piercings im Gesicht und klobigen Stiefeln. „Das muss eine Praktikantin sein“, dachte der Adelsspross, da die Frau alles andere als angemessen gekleidet war, zumindest nicht für eine Lehrstuhlinhaberin. „Fräulein“, hob er deshalb an, „Schauen Sie, ob Sie die Frau Professor finden, denn sie hat das Vergnügen mit mir ein Eignungsgespräch zu führen. Hurtig, ich sage es nicht zwei Mal.“ Die Angesprochene hob langsam den Kopf, den sie über Unterlagen gebeugt hatte und musterte den Herrn von oben bis unten und wieder retour. „Und Sie sind?“, fragte Sie. „Als wenn man das nicht wüsste, und vor allem, ich werde mich hier nicht von einer Praktikantin ausfragen lassen. Das ist eindeutig unter der Würde eines zukünftigen Nobelpreisträgers.“ „Ach ja, Sie sind das“, kam es gedehnt aus dem Mund der Frau, „Der Herr Adelige, der sich seinen Master gekauft oder besser gesagt erklaut hat. Nun, zu Ihrer Information, mein Name ist Daria Bernstein und ich bin die Leiterin dieses Instituts.“ „Nein, das kann nicht sein, Sie sind überhaupt nicht angemessen gekleidet“, erwiderte der Herr von mit der elegantesten Präpotenz, die er aufbringen mochte. Noblesse oblige, Sie verstehen?“ „Sie langweilen mich schon jetzt und das ist gar nicht gut“, erwiderte die Angesprochene, „Erstens, beurteilen Sie Menschen nie nach ihrem Äußeren. Und zweitens, bei mir entscheidet nicht Herkunft, sondern Wissen und Intelligenz, Forschergeist und Verantwortung. Und in diesen wenigen Worten konnte ich mich davon überzeugen, dass Sie über nichts davon verfügen. Ich würde Sie bitten, mein Institut zu verlassen und am besten auch die Universität. Sie sind eine Schande für die Wissenschaft. Guten Tag!“ Verdattert stand er da, der ehemals Blaublütige und wusste nicht, was er sagen sollte. Noch nie in seinem Leben waren ihm die Menschen anders als ehrerbietig begegnet. Und dann musste er sich das von so einem Punkverschnitt anhören. Er setzte gerade an, etwas Angemessenes zu erwidern, als ihm bewusst wurde, dass ihn die Wissenschaft sowieso nur gelangweilt hatte. Deshalb beschloss er stattdessen Schauspieler zu werden und etliche Oskars und sonstige Preise zu gewinnen. Schließlich gab es nicht nur einen Weg, in die Annalen der Geschichte einzugehen. Oder er würde einen weltbewegenden Roman verfassen lassen und den Literaturnobelpreis erhalten. Wortlos machte er auf dem Absatz kehrt und ging. Das kommt eben dabei heraus, wenn man sich mit dem Pöbel abgibt. Und daran ändert auch ein Lehrstuhl nichts.

Kommentar verfassen

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen