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Life is too short for boring stories

Yvonne kam langsam wieder zu sich. „Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen?“, fragte sie sich unwillkürlich. Langsam kam die Erinnerung wieder. Sie war ermüdet gewesen, hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und war an diesem Vormittag besonders intensiven Disputationen ausgesetzt gewesen. „Wie schnell sich doch die Leute angegriffen fühlen“, hatte sie immer wieder gedacht, „Sie haben so große Angst, selbst etwas zu verlieren, wenn sie für andere Lebewesen Empathie aufbringen.“ Ja, es war Angst, die sie gespürt hatte. Je aggressiver, desto ängstlicher, letztlich. Das war ihr Eindruck. Und wenn sie es schaffte diesen Panzer aufzubrechen, dann war es erkennbar und sie hatte eine Möglichkeit anzusetzen. Sie war ruhig und gelassen geblieben, doch es hatte sie an diesem Tag besonders angestrengt, so dass sie einfach ein paar Minuten Pause machen wollte, die Anspannung abzuschütteln und die Voreingenommenheit, die sie langsam in sich aufsteigen gespürt hatte, in eine positive Richtung zu lenken. Dann war da diese dunkle Gestalt, die wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Das musste der Moment gewesen sein, in dem sie ohnmächtig geworden war, denn ab da erinnerte sie sich an nichts mehr.

Yvonne lag, wie sie zweifelsfrei feststellte, in einem Bett. Es war sorgfältig gemacht, so weit das im Halbdunklen auszumachen war, denn die Jalousien waren heruntergelassen, so dass das Tageslicht nur spärlich durchdrang. Dann entdeckte sie eine Gestalt, die im Türrahmen stand und diese, obwohl sie etwas gebückt stand, komplett auszufüllen schien. „Der hat mich entführt“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie spürte, wie sich eine bisher ungekannte Furcht ihrer bemächtigen wollte, denn was hatte der Kerl mit ihr vor? Wollte er ihr was antun? Warum hatte er das getan? Es war ihr, als wäre sie ihm gänzlich ausgeliefert und völlig hilflos. Körperlich hatte sie keine Chance gegen diesen Koloss. Sie zwang sich dazu klar zu denken, während sie den Mann nicht aus den Augen ließ. Er hatte die Kapuze vom Kopf gezogen und sie erkannte die furchteinflößenden Narben in seinem Gesicht, die Tattoos an seinem Hals und den beinahe kahlen Schädel. Eine Welle von Verzweiflung machte sich bereit über ihr zusammenzuschlagen und sie zu ertränken, doch da sah er sie an und sie erkannte etwas, was sie irritierte. Es war eindeutig Angst. Aber wovor? Vor einem Angriff musste er sich wohl kaum fürchten. Aber was konnte es dann sein? Angst vor Zurückweisung, Abwertung? Ja, das könnte es sein. Yvonne hatte keine Ahnung ob sie richtig lag, aber sie wollte es zumindest probieren, denn es war die einzige Möglichkeit, die sie sah.
„Ich bin Yvonne“, sagte sie in einem so sanften Ton wie möglich, „Und wie heißt Du?“
„Mark“, antwortete er kurz und knapp, mit dieser tiefen, dröhnenden Stimme, die laut klang, obwohl er leise sprach.
„Mark, ich glaube nicht, dass Du mir was Böses willst. Stimmt das?“, fuhr Yvonne ebenso sanft fort, woraufhin er nur kurz den Kopf schüttelte.
„Aber warum hast Du mich dann mitgenommen?“, fragte sie weiter.
„Es ist nicht leicht zu verstehen“, entgegnete er, „Ich verstehe es ja selber kaum.“
„Dann versuch es mir zu erklären“, bat Yvonne, denn er sah zwar aus wie ein Ungetüm, war aber verschreckt wie ein kleines Reh. Es wirkte irritierend, doch vielleicht lag gerade darin der Schlüssel. „Ich denke, dass Du immer nur nach Deinem Äußeren beurteilt wirst, dass die Menschen sich von Dir abwenden, als hättest Du die Pest. Aber was würdest Du sagen, wer Du bist, würde man sich nicht schrecken lassen, sondern Dich fragen?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Mark tonlos, „Aber es hat mir auch noch niemand die Gelegenheit gegeben es herauszufinden.“
„Und deshalb hast Du mich entführt, weil Du wolltest, dass ich es herausfinde?“, erwiderte Yvonne, weil sie wollte, dass er weiter mit ihr sprach.
„Das kommt dem wohl sehr nahe“, antwortete Mark knapp.
„Was hältst Du davon, wenn Du damit beginnen, dass Du Dich zu mir setzt und mir Deine Geschichte erzählst“, schlug Yvonne vor, während sie sich im Bett aufsetzte, ein wenig abrückte, um Platz für ihn zu machen und den Rücken an die Wand lehnte. Zaghaft ging er auf sie zu. Einladend klopfte sie auf die Decke neben sich und endlich setzte er sich. Aus ihrem Blick sprach Offenheit und Zugewandtheit, so dass er das Wagnis einging, etwas zu tun, was ihm bisher unmöglich schien, seine Geschichte preiszugeben und damit eigentlich sich selbst.

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