Spuren spüren …

Bild: Spuren - Daniela Noitz

Für Dich

Begegnungen geschehen, wenn wir uns einlassen, aber auch, wenn wir es nicht tun. Auch in der Negation geschieht Begegnung. So wie man nicht nicht kommunizieren kann, ist es auch nicht möglich, eine Begegnung zu negieren. Selbst dort, wo ich ausweiche, den Kopf senke und wort- und blicklos an Dir vorbeigehe, geschieht Begegnung, denn um einen Grund zu haben, mich so zu verhalten, muss ich wahrgenommen haben. Ausweichen ist Begegnung in Ablehnung, aber sie ist Begegnung. Was zurückbleibt, ist ein Gefühl des Aufgezwungenseins und der Entscheidungslosigkeit. Dennoch ist auch von ihr eine Spur in mir. Manchmal halten diese Spuren sogar länger an, als die einer Begegnung, der ich nicht ausweiche. Weil sie zu einfach ist. Zu oberflächlich. Zu nichtssagend. Sie geschieht zwar und ich lasse sie geschehen, aber sie zieht vorüber wie ein Blatt, das vom Baum fällt, um unter all den anderen liegenzubleiben. Spuren im Sand, die der nächste Windhauch verweht.

Begegnungen geschehen, auch solche, die uns mitreißen, in einen Strudel aus Begeisterung und Euphorie, die Begegnung, die etwas in mir anstoßen oder ans Licht bringen, wovon ich selbst nicht wusste, dass es in mir schlummert oder was ich nicht zu wecken wagte, weil ich niemanden hatte, der das versteht. Nicht daran rühren. Du sagtest, wage es. Und ich wachse, an Dir und der Begegnung. Dabei spielt es keine Rolle ob des sich bei der, der ich begegne um einen Hund, einen Esel, eine Ratte, einen Menschen, einen Baum, eine Blume oder was auch immer mich an Atmenden, Lebendigen in ihre Gegenwart zieht. Es ist das Leben, das ansteckend wirkt. Ein Baum, unter den ich mich setze, an einem heißen Sommertag und mich in seinem Schatten kühle. Die Blume, die inmitten einer karten Steppenlandschaft, mutig und trotzig ihre Blüte erhebt. Und der Esel, der sie genüsslich verspeist. Dann hebt er seinen Kopf und sieht mich an. Der Blick berührt. Ich lächle. Und auch der Esel entscheidet, ausweichen oder annehmen. Du bist es, der in mein Leben tritt und mich aufrüttelst, wenn ich zu sehr in mich versunken bin. Oder mich beruhigst, wenn ich mich in ein Aufgeregt-sein steigere. Oder mir ein Lachen entlockst, wenn Du mir Deine Geschichten erzählst. Oder auch meine Tränen trocknest, wenn diese tiefe Trauer mich überwältigt, die Trauer über das Leiden, das das Leben auch mitbringt. Auch. Aber lange nicht nur, denn das Leben ist Leid, ist Schmerz, ist Tod, ist Verlust, ist Krankheit und ist Beschwerlichkeit. Auch. Aber das Leben ist vor allem eine Möglichkeit, das Glück oder die Zufriedenheit, die Lebendigkeit oder die Liebe, die Freundschaft oder das Gemeinsam in Achtsamkeit zu zelebrieren.

Begegnungen geschehen, weil ich nicht alleine auf der Welt bin. Du trittst ein, auf samtenen Füßen und dann streifst Du die Nagelschuhe über, die tiefe Risse in mir hinterlassen, bevor Du gehst. Der Schmerz vergeht, die Narben bleiben und lehren mich, nicht jede Begegnung als wohlwollend zu erwarten. Manchmal sind sie verletzend. Niemals bei einem Esel, einem Hund, einer Ratte, einem Baum, einer Blume oder all den anderen Lebewesen, die zum Glück keine Menschen sind. Schmerz fügen nur Menschen bewusst und gewollt zu. Menschen allein sind hinterhältig, gemein, verschlagen, verlogen und boshaft. Aber auch Menschen können einfühlsam, achtsam und ehrlich sein, wie eben der Hund oder der Esel oder die Ratte oder das Schwein und all die anderen. Sie können es und dann durchzieht die Spur, die Du in mir bist seit unserer ersten Begegnung mich in Verlässlichkeit und Vertrautheit, bleibend und versöhnend. Der Schmerz passiert, aber auch die Freude. Die Trauer ist unumgänglich, aber auch die Freude findet ihren Ort.

Begegnungen geschehen und ich bin dankbar, für Dich, der Du mir gezeigt hast, dass ich auf mich achten soll, um nicht mehr verletzt zu werden, Zeichen zu deuten und auf meine innere Stimme zu hören, die mir sagt, Du tust mir nicht gut, egal wie sehr Du mir schmeichelst.

Begegnungen geschehen und ich bin dankbar, noch mehr für Dich, der Du mich verstehst und bereicherst, Dich mit mir auseinander- und zusammensetzt, der Du mich annimmst in meinem jeweiligen So-Sein, so wie ich Dich, mir Inspiration und Antrieb, Verheißung und Bereicherung bist.

Begegnungen geschehen – ich lasse sie geschehen, denn ohne Begegnung gibt es keine Lebendigkeit, kein Wachsen, sondern nur mehr Solipsismus und Stagnation.

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