Zum Internationalen Tag der Toleranz.
Herbert ist viel unterwegs, denn er ist Postbote von Beruf. Jeden Tag begibt er sich auf seine Austragungsroute. Seit beinahe 20 Jahren ist es dieselbe. Die Route, ja, aber manches hat sich seitdem verändert. Häuser wurden neu gebaut oder alte abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. Seine Arbeit blieb die gleiche, nur nicht die Briefkästen. Er hat sich daran gewöhnt. Bei jedem Wetter zieht er in der Früh los, um die Post zu verteilen. Würde man ihn fragen, ob es etwas gibt, was ihn stört, dann würde er auf das Überhandnehmen von unadressierten Werbesendungen aufmerksam machen, die die Briefkästen so nachhaltig verstopfen, dass es manchmal beinahe unmöglich ist, die richtige Post einzuwerfen. Aber auch daran würde er sich gewöhnen, meint er.
Auf seinem Weg begegnet er Menschen. Auch, wenn er eine Sendung bringt, für die eine Unterschrift notwendig ist. Er freut sich über Begegnungen. Herbert ist stets höflich und freundlich. Das macht ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Vor allem, weil er alle toleriert. Die Frau mit der dunklen Hautfarbe und den Rastazöpfen ebenso wie den Mann, der gerne Röcke und Stöckelschuhe trägt. Das lesbische wie das schwule Pärchen, das heterosexuelle sowieso. Das ist normal. Aber was macht das schon, wenn etwas nicht normal ist. Auch das toleriert er. Er hat auch kein Problem mit Muslimen oder Juden, auch nicht mit Frauen, die halb oder gar ganz verschleiert sind. Ebenso wenig wie mit den Menschen, die den Sticker „Bitte keine Fleischwerbung“ auf den Briefkasten geklebt haben oder jenen, die ganz offensichtlich keiner geregelten Tätigkeit nachgingen. Ihn störten weder lärmende Kinder noch grölende Erwachsene. Kleine Hunde mit spitzen Zähnen konnten ihn ebenso wenig aus der Fassung bringen, wie große mit dem tiefen Knurren. Es spielte für ihn auch keine Rolle, welche Sprache die Menschen sprachen. Mehr noch, er hatte in der Zwischenzeit gelernt auf etliche Weise zu grüßen, was er auch nutzte, sobald er wusste, welche Muttersprache eine Person sprach. Das war auch alles gut und schön, aber es gab auch einen Wermutstropfen.
Herbert tolerierte alles. Die Burschen, die lauthals brüllend durch die Straßen zogen und sich über Migrantinnen mokierten. Ebenso wie jene, die offen faschistische Symbole zeigten. Selbst mit jenen, die Transpersonen angriffen, egal ob verbal oder körperlich, wusste er sich zu arrangieren. Außerdem jene, die manchmal ein Mädchen ein bisschen bedrängten oder ein wenig mehr. Die, die ihnen bloß etwas hinterherriefen oder sogar nur pfiffen, die fand er sogar ein wenig drollig. Auch jene, die den muslimischen Frauen die Kopftücher stahlen nahm er zur Kenntnis, ohne sich darüber zu mokieren. Die Herabwürdigung von Behinderten und alten Menschen nahm er ebenso gelassen hin. Auch das fiel für ihn unter Meinungsfreiheit.
Herbert war die Toleranz in Person. Er stellte die personifizierte Meinungsfreiheit dar. Allerdings merkte er nicht, dass seine Toleranz gegenüber jenen, die intolerant waren seine eigene Toleranz aushebelte. Eigentlich war es nicht Toleranz, wie er es so stolz nannte, sondern purer Opportunismus.
Toleranz ist in Ordnung. Es ist gut, andere Lebensrealitäten zu achten, aber wer allem gegenüber tolerant ist, zeigt sich als gleichgültig und unterstützt letztlich mit seiner angeblichen Toleranz die Intoleranten. Sei nicht wie Herbert. Sei tolerant, wo Toleranz angebracht ist. Und dulde nicht, wo Lebewesen diskriminiert, unterdrückt, beschämt, verleumdet oder ihnen Gewalt angetan wird, egal ob menschliche oder nicht-menschliche Tiere. Und solltest Du einmal einem Herbert begegnen, dann versuch es ihm zu erklären, dass er durch sein Verhalten Intolerante unterstützt.


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