Enthüllung – eine Geschichte in Briefen (2)

Enthüllung – eine Geschichte in Briefen (2) – Themen: Alle Geschichten, Leben, Annahme, Briefe, Erzählung, Freundschaft, Geschichte, Unterstützung, Verbundenheit | novels4u.com

Gedankenverloren faltete ich diesen ersten Brief zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Wie gut es doch sein muss, erzählen zu können und gehört zu werden, die Worte zu finden und sie auf Papier zu bringen. Wie es wohl weiter ging? Entschlossen öffnete ich den zweiten Brief.

Lieber Freund!

Danke, dass Du mir Mut zugesprochen hast. Ich hätte sonst nicht gewagt, weiter zu sprechen. So lange Zeit meines Lebens zog ich mich einfach nur zurück. Auch wegen meiner Sprache. Ich stammte aus einem kleinen Ort im südlichen Burgenland. Da sprach man einen eigenen Dialekt. Wahrscheinlich hat sich daran auch bis heute nichts geändert, doch ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr dort. Ob sich dort auch schon die Anglizismen breit gemacht haben oder ob noch immer alles so ist wie es war, ich kann es nicht sagen. Was ich allerdings weiß ist, dass es nicht leicht ist mit solch einer Bürde in die Stadt zu kommen. Zumindest war es damals für mich eine Bürde.

Meine Eltern arbeiteten in derselben Fabrik, der einzigen, die es in dieser Gegend gab. Eines Tages schloss sie. Mein Vater, meine Mutter und viele andere aus dem Dorf waren von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Damals gab es noch keine Frühwarnsysteme. Nicht mehr konkurrenzfähig, hieß es. Weil die Lohnkosten so hoch waren, wurde gesagt. Dabei war es sowieso ein Spott, was meine Eltern und all die anderen Leute in dem kleinen Dorf verdienten. Hätten nicht alle ihren Gemüsegarten gehabt und zusätzlich Erdäpfel angebaut, wir wären wohl über den Winter verhungert. Doch was sollte man sonst tun, als die Arbeit anzunehmen, die es gab. Doch nun war auch die fort. Deshalb zogen wir in die Stadt. Ich war gerade acht geworden. Die ersten zwei Schuljahre hatte ich in der kleinen Grundschule in unserem Dorf absolviert. Es hatte nur eine einzige Klasse gegeben, in der alle Schüler*innen gemeinsam unterrichtet worden waren. In der Stadt kam ich in die dritte Klasse. Der Einstufungstest hatte ergeben, dass ich dort hingehörte. Doch mein Dialekt, den ich in meinem Heimatort mit aller Selbstverständlichkeit gesprochen hatte, machte mich hier zur Außenseiterin. Meine Mitschüler*innen machten sich über mich lustig. Die Lehrer*innen nahmen es zum Anlass, mich ständig herunterzuputzen. Absichtlich holten sie mich an die Tafel oder stellten mir Fragen. Es spielte keine Rolle, ob ich die Antwort wusste oder nicht, denn sie sagten mir so oft es ging, dass ich wohl minderbemittelt wäre, wenn ich noch nicht einmal meine eigene Muttersprache sprechen könnte. Je öfter dies passierte, desto mehr zog ich mich zurück. Dazu kam noch, dass ich, sobald ich zu Hause war, auf meine Geschwister acht geben musste, die nun der Reihe nach kamen. Im Abstand von ungefähr jeweils zwei Jahren kam ein neues hinzu. Insgesamt wurden es sechs. So etwas wie Kinderbetreuung gab es nicht, auch keinen Mutterschutz. So war ich auch ständig müde, wenn ich in der Schule war. Es passierte nicht einmal, dass ich im Unterricht einschlief. Meine Mutter behelligte ich nicht damit, denn schließlich wusste ich, dass wir froh sein mussten, zumindest eine Bleibe und Arbeit für meine Eltern gefunden zu haben. Vor lauter Sehnsucht nach meiner alten Heimat, wurde ich immer dünner. Es war, als wollte ich mich auflösen. Nicht nur, dass ich verstummte, ich hätte es am liebsten geschafft, dass ich auch nicht mehr zu sehen wäre. Beinahe wäre es mir gelungen, wenn ich nicht völlig unerwartet Hilfe erhalten hätte. Es war an einem Nachmittag unter der Woche, als ich mich die Stiegen zu unserer Wohnung hinaufquälte. Plötzlich wurde mir schwindlig und ich brach mitten im Stiegenhaus zusammen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer weichen Couch. Mein erster Gedanke war, einfach die Augen zu schließen und zu schlafen. Ich war so schrecklich müde, doch dann fielen mir meine Geschwister ein, auf die ich achten musste. Zu der Zeit war ich zehn Jahre alt und hatte vier Kinder im Alter von acht, sechs, vier und zwei zu beaufsichtigen, während meine Mutter schon wieder schwanger war. Sofort richtete ich mich auf, als ich eine alte Frau sah, die mich nötigte, sitzen zu bleiben. Ich erkannte die alte Frau in ihr wieder, die unter uns wohnte und die ich bis jetzt nur scheu gegrüßt hatte. Sie hatte mir Angst gemacht, so streng wirkte sie. Doch was hatte mir damals keine Angst gemacht? Ich müsse doch zu meinen Geschwistern, brachte ich leise, fast unhörbar heraus. Doch was dann geschah, das hat so vieles verändert. Wahrscheinlich hat es mich gerettet.

Doch dazu mehr im nächsten Brief, wenn Du denn noch Interesse daran hast.

Auf jeden Fall bin ich sehr glücklich, das hier niederschreiben zu dürfen.

Mit ganz lieben Grüßen,
eine Arbeiterin

Wenn Du wissen möchtest, wie es weitergeht, dann findest Du hier den dritten Teil. Oder abonniere den Blog, so dass über das Erscheinen weiterer Folgen informiert wirst.

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