Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Heute, am 01. September ist der Welttag des Briefeschreibens. Es mag einem beinahe wie eine Fügung erscheinen, dass mir gerade an diesem Tag ein kleiner Stoß Briefe in die Hand fiel. Ein guter Freund hat sie mir anvertraut, weil er meinte, es würde mir Einblicke geben in etwas, wovon ich keine oder nur wenig Ahnung habe, das einfache, stille Leben einer Arbeiterin und ihrer Familie. Mittlerweile lebt sie nicht mehr und er meinte, ich dürfe sie veröffentlichen, um anderen zu zeigen, nun, das werdet ihr lesen. Ich werde diese Briefe fast so originalgetreu wie möglich weitergeben, tatsächlich ohne die Privatsphäre zu verletzen. In so vielem ähneln sich die Schicksale. Das gebe ich weiter. Aber genug der Vorrede. Ich würde mich freuen, wenn Ihr dieser starken und zugleich sanften Frau das Privileg Eurer Aufmerksamkeit zukommen lasst. Dieser gemeinsame Freund hat nur ihre Briefe an ihn, denn seine hat er logischerweise abgeschickt, ohne eine Veranlassung zu haben, seine als Kopie zu behalten. Es war niemals die Intention gewesen, diesen Briefwechsel zu veröffentlichen. Deshalb ist er frei und offen, wie Ihr sehen werdet.
Es begann an einem langen, kalten, verregneten Novembertag, als die Arbeiterin und zukünftige Briefeschreiberin sich endlich dazu durchrang, die Einladung eines Arbeitskollegen anzunehmen, das Parteilokal zu besuchen. Parteien und Politik waren nicht ihre Welt. Sie führten ein langes Gespräch, an diesem Abend, sie und ihr Arbeitskollege oder zumindest redete er. Dann ging sie, voller neuer Gedanken, die sich erst setzen mussten.
„Ich brauche Zeit“, hatte sie zu ihm gesagt. Er hatte nur genickt, weil er es verstand, bereit ihr die Zeit zu lassen, die sie brauchte. Ein paar Tage später fand er einen Brief vor, der erste aus einer langen Reihe:
Lieber Freund!
Ich war ein wenig unsicher, wegen der Anrede. Wir arbeiten schon seit vielen Jahren in derselben Fabrik, oftmals Hand in Hand, dennoch wussten wir bis vor Kurzem sehr wenig voneinander, doch an diesem Abend, an dem ich es endlich wagte, Deine Einladung anzunehmen, da kamen wir ins Gespräch, das sich sehr bald so anfühlte, als wäre es eines aus einer langen Reihe vorangegangener, in denen wir uns ausgetauscht hatten. Ich fühlte eine tiefe Verbundenheit, ein Verstehen, das ich nicht zu finden gehofft hatte. Niemals zuvor. Das freute mich und machte mich gleichzeitig traurig. Warum das so war, das wirst Du noch erfahren, wenn Du mehr von meiner Geschichte weißt. Dennoch hatte ich nicht den Mut, mehr zu erzählen. Nein, das ist falsch. Es war nicht der mangelnde Mut, sondern es waren die Worte, die ich nicht fand. Deshalb wählte ich diesen Weg, denn hier habe ich nicht das Gefühl, ich müsse mich hetzen. Ich kann in Ruhe überdenken was ich wie sagen möchte. Nicht, dass Du mich unter Druck gesetzt hättest. Ganz im Gegenteil, Du ließt mir den Raum, auch zu Schweigen, mich zu sammeln, die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen, an einem Ort, an dem Du unter Gleichgesinnten bist, zu denen ich nicht gehörte und von denen ich dennoch vorurteilsfrei aufgenommen wurde. Vielleicht wirkt es ein wenig anachronistisch, zu einer Zeit mit der Hand zu schreiben, in der alles nur mehr elektronisch übermittelt wird. Aber was war es mir für eine Freude, meine alte Füllfeder wieder herauszunehmen. Wie viele Jahre hatte ich sie nicht in der Hand gehabt. Sie lag während all der Zeit in einer kleinen Schachtel, die ich selbst angefertigt hatte, damals, als meine Mutter sie mir schenkte. Ich war 14 Jahre alt gewesen. Jedes Mal, wenn wir an der Auslage des Papierfachgeschäftes vorbeigegangen waren, hatte ich einen sehnsüchtigen Blick darauf geworfen. Sie erschien mir als das Schönste auf der Welt. Ja, damals gab es noch Papierfachgeschäfte und das Sortiment wechselte nicht so schnell wie heute. Natürlich hätte ich nie gewagt, meine Mutter darum zu bitten. Schließlich hatte sie sechs Kinder, die etwas zu essen brauchten und etwas zum Anziehen. Das Geld war immer knapp bei uns. Ich weiß bis heute nicht, wie meine Mutter das schaffte mit dem schmalen Gehalt, das sie bekam. Sicher, mein Vater verdiente auch, aber da blieb ein guter Teil beim Branntweiner. Ich wusste, dass es sie schmerzen würde, mir meinen Herzenswunsch nicht erfüllten zu können. Deshalb sagte ich nichts. Und dann bekam ich sie tatsächlich, zu meinem 14 Geburtstag. All die Jahre habe ich sie gehütet wie einen großen Schatz. Vor allem, seit meine Mutter gestorben war. Desto schöner ist es für mich, sie nun wieder verwenden zu können. Zu Anfang war ich etwas ungelenk, weil ich sie so lange nicht benutzt habe, doch Du siehst, von Zeile zu Zeile wird es besser.
Bitte lass mich wissen, ob Du das auch möchtest, dass ich Dir Briefe schreibe.
Danke fĂĽr Deine Zuwendung,
eine Arbeiterin.
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