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Life is too short for boring stories

Es war Bens Stimme gewesen, in die sich Lisa verliebte, noch bevor sie ihn gesehen hatte, damals. Ihre Freundin Sophie hatte sie überredet sich diesen tollen Musiker anzuhören. Missmutig ging sie mit, doch sobald sie das Lokal betreten hatten und Lisa diese rauchige und zugleich so sanfte Stimme vernahm, geschah etwas in ihr. Sie schloss die Augen, um einfach nur zuzuhören.
„Lass uns nach vorne gehen“, forderte Sophie sie auf. Lisa sträubte sich. Sie wollte nicht aus ihrem Traum fallen, doch was hätte sie sagen sollen? Dass sie ihn nicht sehen wollte, weil der Anblick bloß eine Enttäuschung wäre? Es blieb ihr nichts anderes übrig, doch auch sein Anblick war keine Enttäuschung, ganz im Gegenteil. Dieses jungenhafte Lächeln, die im starken Kontrast zu seinen herben, männlichen Zügen standen und diese sanfte Melancholie in seinen grauen Augen, waren irritierend und betörend zugleich. Lisa war völlig durcheinander. Sie hätte es niemals gewagt ihn anzusprechen. Verlegen schlug sie die Augen nieder, als er nach dem Konzert auch zu ihnen kam und brachte kaum ein Wort heraus. Lisa musste immer noch lächeln, wenn sie an diesen Abend dachte, der nun schon einige Jahre zurücklag. Es war ihr, als würde es jeden Tag aufs Neue passieren, dass sie sich in ihn verliebte, in seine Zugewandtheit und Aufmerksamkeit, die Art sie immer wieder ins Leben zurückzuholen und zum Lachen zu bringen. Es heißt immer, die Liebe nutzt sich ab, mit den Jahren, doch Lisa hatte den Eindruck, dass es sich jeden Tag aufs Neue bestätigte, die wunderbare Lebendigkeit ihrer Liebe.

„Mama, wir müssen aufstehen“, forderte Nina an diesem Sonntagmorgen. Lisa sah sich verschlafen um. Wie war sie ins Bett gekommen? Sie wusste nur mehr, dass sie auf der Couch eingeschlafen war. Er musste sie wohl ins Bett getragen haben. Lächelnd wandte sie sich ihm zu, der noch die Augen geschlossen hatte, aber sie spürte am Druck seiner Hände, dass es ihrer Tochter gelungen war, auch ihn zu wecken.
„Klar, meine Süße“, sagte Lisa und strich Nina die widerspenstigen dunklen Locken aus dem Gesicht. Wie ähnlich sie ihrem Vater doch sah. Das gleiche kecke Lächeln und das Blitzen in den Augen. Dann krabbelte auch Leo in ihr Bett. Es war ein guter Tag, denn sie waren zusammen.

Nach dem Frühstück gingen sie in den Garten, denn die Sonne schien und es war Zeit das neue Planschbecken einzuweihen. Und während die Kinder im Wasser tobten, sah ihnen Frau Schön von der Terrasse aus zu. Von der zweistöckigen Villa, in der sie mit ihrem Mann lebte, konnte man bequem in den Garten sehen.
„Was für eine komische Frau“, konstatierte Frau Schön kopfschüttelnd, als ihr Mann zu ihr auf die Terrasse trat, „Trägt nicht einmal irgendetwas im Gesicht. Ich wette, die lässt auch sonst nichts machen.“
„Dafür solltest Du endlich wieder was machen lassen“, meinte Herr Dr. Schön geflissentlich, während er die Badefreuden ebenfalls in Augenschein nahm, „Du wirst schließlich nicht jünger und ich möchte nicht, dass mir die Kundinnen wegbleiben, nur weil Du nachlässig bist.“
„Was heißt nachlässig?“, erwiderte seine Frau.
„Du hast die letzten beiden Termine zum Aufspritzen ausfallen lassen und lässt Dich überhaupt gehen. Ich habe da ein paar Falten an Deinem Hals gesehen“, erklärte er lakonisch, „Du darfst nicht vergessen, Du bist mein Aushängeschild und was würde es für ein Bild machen, wenn die Frau eines Schönheitschirurgen aussieht wie eine alte Frau.“
„Seltsam, dass trotzdem alle so aussehen wollen wie ich“, sagte sie spitz.
„Natürlich, sie wollen alle gleich ausschauen, denn nur was genormt ist, ist schön. Doch damit das so bleibt, musst Du auch was tun“, erwiderte er lakonisch, „Wenn ich dran denke, wie viel Geld ich schon in Dich investiert habe. Ich werde es sicher nicht dulden, dass Du das ruinierst.“
„Ich bin also nicht mehr als eine Investition für Dich?“, hakte seine Frau nach.
„Schätzchen, das hast Du doch von Anfang an gewusst. Für was solltest Du sonst gut sein, Du, oder irgendeine andere Frau?“, erwiderte er lässig.
„Hast Du deshalb Deine ersten zwei Frauen abserviert?“, fragte Frau Schön nach.
„Du weißt genau, was in unserem Ehevertrag steht“, meinte er leichthin, während sie nachdachte, was das sein könnte, denn sie hatte ihn nicht gelesen, wie sie sich jetzt erinnerte, wohl weil sie ihm vertraut hatte.
„Und was genau meinst Du?“, wollte sie deshalb wissen.
„Dass ich mich von Dir scheiden lassen kann, wenn Du anfängst Dich gehen zu lassen und keine Ansprüche stellen kannst“, sagte er ruhig, mit jener Gelassenheit, die nur jemand ausstrahlt, der sich seines Sieges sicher ist. Frau Schön merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie musste hier raus, um nicht zu ersticken. Deshalb nahm sie ihren Chihuahua an die Leine und ging spazieren, um in Ruhe nachzudenken. Im selben Moment, in dem Frau Schön ins Haus stürzte und ihren Mann stehen ließ, sah Frau Fleißig, die zur linken Seite von Ben und Lisa wohnte, erstmals von ihrem Laptop auf, erfasste die Situation, schüttelte kurz den Kopf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

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