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Life is too short for boring stories

Es war noch früher Nachmittag. Die Sonne stand strahlend am Himmel, und ich war schon munter. Das durfte eigentlich nicht sein, denn es war die Dämmerung, in die ich erwachen sollte, und nicht in die Fänge der frühen Nachmittagssonne. Ziemlich zerknautscht und wohl auch verärgert überlegte ich, was mich geweckt haben könnte. Ich könnte doch einfach nochmals einschlafen, dachte ich dann, doch so sehr ich es auch versuchte, es gelang mir nicht. Dieser verdammte Lärm, dachte ich noch. Da wurde mir endlich bewusst, was mich geweckt hatte und nicht wieder einschlafen ließ. Es war Lärm, kunterbunter, ungewohnter Lärm. Ich versuchte genauer hinzuhören und begann Stimmen und Lachen zu unterscheiden. Das konnte doch nicht wirklich wahr sein, schoss es mir noch durch den Kopf, während ich mich rasch anzog und zum Steg eilte. Neben dem Steg, auf der Wiese standen mein Ringelspiel und die Schaukel, und da waren tatsächlich Kinder, und diese Kinder machten diesen Lärm, der mich zu so ungewohnter Zeit aus dem Bett getrieben hatte.

„Was tut ihr denn hier?“, fragte ich die tobende Meute.
„Wir spielen“, sagte ein kleines Mädchen leichthin, ohne in ihrem Spiel innezuhalten.
„Und warum hier?“, fragte ich weiter.
„Weil wir sonst nirgends hinkönnen. Überall heißt es, wir seien zu laut und wir stören die Erwachsenen und wir sind zu lebhaft“, erklärte mir ein Junge, der nun neben mir stehenblieb und mich ansah. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.
„Ja, laut seid ihr und ihr habt mich aufgeweckt“, entgegnete ich, immer noch ein wenig grantig, doch auch mit erwachender Neugierde.
„Wie kann man denn nur um diese Zeit schlafen“, sagte ein Mädchen, das gerade vom Ringelspiel sprang.
„Wie kann man um diese Zeit nur auf sein“, gab ich ungerührt zurück.
„Die Sonne scheint, und wir haben endlich Zeit zu spielen“, erklärte der Junge, der immer noch neben mir stand.
„Ich zeig Dir was wir machen“, kündigte ein weiteres Mädchen an, um mich ohne viel Federlesens bei der Hand zu nehmen und mit sich zu ziehen. Da wurde nicht nur das Ringelspiel frequentiert und die Schaukel, sondern da war eine Gruppe, die eine Höhle gebaut hatte, und je nach Gusto Familie oder Indianer spielte. Unten am Bach wurde fleißig an einem Damm gebaut. Ich war überwältigt von all dieser Tätigkeit, und trotz des Spieles, des Ernstes, mit dem jedes Kind seiner Tätigkeit im Miteinander nachging. Niemand hatte es ihnen angeschafft. Niemand überwachte es, und dennoch lief alles harmonisch und frei von Unterdrückung ab. Es war ein wahrhaftes, gelungenes, kooperierendes Miteinander. Niemand stand draußen. Niemand wurde ausgeschlossen. Irgendwann wagte ich es.
„Darf ich mitspielen?“, und ich durfte. Erst als es dämmerte, liefen die Kinder nach Hause.
„Weckt mich ruhig“, gab ich ihnen mit auf den Weg.

Ich hatte nicht geschlafen, an diesem Nachmittag, und ich hatte auch sonst nichts Produktives gemacht, im eigentlichen Sinne, und doch war ich wohl dem Leben schon lange nicht mehr so nahe gewesen, wie an diesem Nachmittag, dem lebendigen, atmenden Leben. Das Leben spüren und mit offenen Händen ins Volle greifen, lachend, heiter und neugierig. Alles kann alles sein, in der Phantasie, und nichts gibt es, was nicht das Leben bereichern könnte, so lange es im Miteinander geschieht. Und wenn wir stehen bleiben auf dem verbohrten Erwachsenenstandpunkt, werden wir wohl nie mehr in der Lage sein, das Leben wirklich lebendig wirken zu lassen.

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