Müll (1)

Müll (1) – Alle Geschichten
🎬 Start der Serie!

Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Mathilde saß in der Wiese und sah auf das Schwein, das vor ihr lag. Es war ihre Totenwache. Totenwache für ein Tier, das einfach hier vor der Stalltüre hingeschmissen wurde, als wäre es Müll. War es das nicht auch? Der Bauer hatte Geld und Arbeit investiert und dann hat es die Frechheit einfach abzukratzen, das kurz bevor es zum Schlachthof gekommen wäre. Also den Tag, an dem sich die Investitionen in dieses vermaledeite Viech wieder gerechnet hätten. Aber was blieb ihm übrig. Vollspaltenbodenhaltung brachte das eben mit sich. 25% oder ein Viertel der Ferkel, die er zu Beginn der Mastperiode in die Kobel sperrt, krepieren. Deshalb führt er auch penibel Buch. Weniger ist natürlich besser, aber mehr darf es auf gar keinen Fall werden. Weil er dann endlich merken würde, dass es den Tieren schlecht geht?

Nein, weil sich seine Investitionen nicht mehr rechnen. Bei 25% Ausfall ist der sog. Break-Even-Point überschritten und der Bauer verdient. Natürlich könnte er die Haltung verbessern, z.B. auf Stroh umstellen. Dann gibt es weniger Tote, aber dafür bedeutet es viel mehr Arbeit und er weiß nicht, wohin sich der Break-Even-Point verschiebt. In der letzten Mastperiode war er richtig gut unterwegs. Da lag der Anteil der Toten vor dem Ende bei bloß 20% also ein Fünftel nur, wenn man so will. Und dann war da diese Sau. Er fand sie zufällig, als er vorbeikam und schmiss sie auf die Wiese, wie Müll, den sie für ihn auch darstellte, unbrauchbar, ein Ärgernis.

Mathilde saß da und hielt Totenwache. Es war purer Zufall gewesen, dass sie das tote Tier gefunden hatte. Ihr Schulweg führte sie an dem Hof vorbei. Jeden Tag absolviert sie diesen mit dem Rad, vom Hof ihrer Eltern aus bis zur Stadt, in der sie die vierte Klasse des Gymnasiums besuchte. „Du bist ein intelligentes Mädel“, wiederholte ihr Vater immer, „Deshalb würde ich mir wünschen, dass Du einmal nicht so hart arbeiten musst wie wir, Deine Mutter und ich.“ Früher hatte Mathilde eingewendet, dass sie es hier auf dem Hof liebte und sie nichts lieber tat als auf den Feldern zu helfen. Ihre Eltern hatten schon lange umgestellt, von einem Schweinemastbetrieb zu Gemüseanbau. Daneben hatten sie auch Obstbäume und ein Teil der ehemaligen Ställe wurde nun zur Champignonzucht genutzt. Doch irgendwann gab sie auf, denn sie würde die Natur studieren, um noch ökologischer auf dem Hof zu arbeiten. Das würde ihr Vater dann schon merken. Mit der Arbeit hatte sie kein Problem. Mehr noch, sie hielt sich gerne draußen auf und es gab für sie nichts Schöneres, als sich dabei noch sinnvoll zu beschäftigen. Ihre Familie lebte, so lange sie denken konnte, von dem was sie anbauten. Mathilde hatte noch nie tierliche Produkte konsumiert. Dennoch ging ihr nichts ab. Zwar war sie von den anderen, erst die Kinder, dann die Jugendlichen schräg angesehen, aber das hatte ihr noch nie etwas ausgemacht. Dennoch war sie bis zu einem gewissen Grad sehr behütet, um nicht zu sagen unwissend, aufgewachsen, denn nachdem ihre Eltern zwar Landwirt*innen waren, aber selber keine Tiere hielten, wusste sie nicht um die Umstände, da ihre Familie immer bestrebt war, diese Seite der Landwirtschaft so gut wie möglich von ihr fernzuhalten. Deshalb glaubte sie noch an die idyllischen Zeichnungen, die sich in den Bilderbüchern im Kindergarten gefunden hatten. Woher sollte sie es auch wissen? Vor allem, dass bis vor ihrer Geburt genau dieselben Zustände auch auf dem Hof ihrer Eltern fanden. Schweine auf Vollspaltenböden und Kühe in Anbindehaltung zur Milchproduktion. Aber all das hatte sie nicht erlebt. „Sollten wir es ihr erzählen?“, hatte die Mutter eines Tages ihren Vater gefragt. „Ich denke, es genügt, wenn sie danach fragt“, antwortete der Vater, dem allein bei dem Gedanken unwohl wurde, dass er beinahe den Betrieb fortgeführt hatte, wenn da nicht die Frau gewesen wäre, die er geheiratet hatte und die Mutter seiner Tochter war. „Ich bin so froh, dass alles so gekommen ist. Und das verdanke ich Dir“, meinte der Vater zu der Mutter und schloss sie in die Arme. „Worüber bist Du froh?“, fragte Mathilde, die in dem Moment in die Küche stürmte und nur mehr den letzten Satz gehört hatte. „Darüber, dass ich so eine tolle Familie und einen Hof habe, der uns ernährt“, erklärte der Vater und nahm auch seine Tochter in dem Arm. „Seltsam“, hatte Mathilde für sich gedacht, „Warum hat er dann gesagt, er wäre froh, dass alles so gekommen ist und nicht, dass alles so ist? Irgendetwas verheimlicht der doch. Aber was?“ Aber es war noch nicht die Zeit zu fragen. Während Mathilde im Gras saß und Totenwache hielt, dachte sie an diese Szene und eine vage Ahnung beschlich sie, dass es vielleicht etwas mit dem Tier und allen anderen zu tun haben könnte, die wie Müll entsorgt wurden, weil sie einfach nutzlos krepierten.

Mehrere Stunde waren bereits vergangen, da hörte sie ein Auto heranfahren. Schnell versteckte sie sich hinter einem Hügel. Von dort aus sah sie zu, wie etliche Menschen aus dem Auto stiegen. Sie zogen sich Schutzkleidung an und gingen in den Stall hinein. Was das wohl zu bedeuten hatte?

(Lifelover)

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