Am Rande der Gesellschaft (7)

Am Rande der Gesellschaft (7) – Alle Geschichten

Alle sahen gespannt auf Sara, weil sie wissen wollten, was sie vorzuschlagen hatte, doch da meldete sich Werner Weinreich zu Wort.
„Danke für Tee und Kuchen“, meinte er, „Ich denke, meine Aufgabe ist erledigt. Es freut mich, dass es so ausgegangen ist.“ Damit tippte er sich auf die Mütze und verließ das Haus, um sich zum Dienstwagen zu begeben, der immer noch von seiner eifrigen Kollegin bewacht wurde.
„Warum kommst Du alleine? Was ist mit den Verbrechern?“, fragte sie. Vor lauter Erstaunen hatte sie vergessen, Bericht zu erstatten, denn dank ihrer großartigen Bewachung hatte sich keiner von den Hippies blicken lassen.
„Es hat sich eine andere, eine bessere Lösung gefunden“, erklärte Werner Weinreich ruhig.
„Aber das verstehe ich, sie haben schwere Sachbeschädigung begangen und werden nicht angezeigt, verurteilt, wie es sich gehört. Das ist doch haarsträubend. Das öffnet dem Verbrechen Tür und Tor. Das ist Anarchie“, brachte sie aufgebracht vor.
„Nein, das nennt man Vergebung“, erwiderte Werner schlicht und stieg ins Auto ein.

„Ich habe mir gedacht, dass ihr das, was ihr Wiedergutmachung leistet, indem ihr die Schäden repariert“, schlug Sara indes den drei Jugendlichen vor, „Natürlich müsst ihr dann hier wohnen, denn das wird so schnell nicht gehen. Ihr könnt auch hier bleiben, während ihr kein zu Hause habt und Eure Lehre machen. Im Gegenzug beteiligt Ihr Euch an der Arbeit und bringt ein, was ihr lernt. Was sagt Ihr dazu?“
„Ich finde das einen großartigen Vorschlag“, meinte Augustin Vonweiler, „Arbeit gibt es genug.“ Alle nickten zustimmend.
„Ich finde das so toll von Euch. Danke“, erklärte Sylvia, „Aber warum macht Ihr das?“
„Weil wir den Eindruck haben, dass Ihr keine Verbrecher seid, sondern einfach Menschen, die man zu oft zurückgewiesen hat“, erklärte Mathilde Frauenschuh, „Ich kenne das sehr gut und kann Eure Wut nachvollziehen. Aber man kann diese Kraft der Wut auch in konstruktive Arbeiten lenken. Das habe ich getan. Und ihr werdet es auch tun.“ In diesem Moment erschien eine fremde Frau in der Küche, großgewachsen, blond und angetan mit einem teuren, offenbar maßgeschneiderten Kostüm. Ohne sich um irgendjemand anderen zu kümmern, wandte sie sich direkt an Sylvia: „Da bist Du ja. Dein Vater hat gesagt, Du sollst sofort nach Hause kommen. Was macht denn das für ein Bild?“
„Hallo Mama“, erwiderte Sylvia, „Ich darf also die Lehre machen?“
„Natürlich nicht. Du wirst studieren, um ein vollwertiger Mensch zu werden“, erklärte die Mutter, „Aber die Leute reden ja schon.“
„Und warum ist der Herr Papa nicht selber gekommen?“, fragte Sylvia und nun klang ihr Ton bereits aufmüpfiger.
„Glaubst Du, er hat die Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen?“, meinte die, die sie geboren hatte, lapidar, „Ich dachte, Du seist wieder zur Vernunft gekommen, aber so kann man sich irren. Was für ein Gedanke, ein Handwerker, ein Prolet will sie werden.“
„Schade, aber wenn dem so ist, dann bleibe ich hier“, sagte Sylvia mit solch einer Entschlossenheit, dass ihre Mutter sich umdrehte und ging. Die Tochter trat ans Fenster und sah ihr nach, wie sie, das Handy bereits am Ohr, in ihren BMW stieg und davonbrauste. „Arme Mama“, konnte man die Tochter flüstern hören, wenn man denn nahe genug gewesen war, doch lauter setzte sie hinzu, „Seht nur, wir haben neue Mitbewohner*innen bekommen.“ Unverkennbar lächelte sie dem zu, was sie draußen sah.
„Was für ein Zuzug?“, fragte Pablo verblüfft.
„Na kommt her, seht es Euch selber an“, forderte sie Sylvia auf, so dass alle zum Fenster gingen, um zu sehen, was da wohl vor sich ging. Was sie sahen, erfreute sie. Es handelte sich um ein Entenpärchen, das sich im Gras niedergelassen hatte.
„Die Natur kommt dorthin zurück, wo man sie sein lässt“, sagte Sara Stern sinnend. Und wie zur Bestätigung quakten die Enten.
„Es fühlt sich immer mehr nach zu Hause und Ankommen an“, hörten sie Mirjam sinnend anmerken. Und alle wussten, was sie meinte. Trotz allem, den Schwierigkeiten, den Hindernissen, den scheinbaren Ausweglosigkeiten, hatten sie für sich etwas gefunden, wo sie bleiben konnten, anerkennt als die, die sie waren, wo sie sich einbringen konnten, je nach ihren Fähigkeiten. Das Leben konnte beginnen.

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