Geschichte einer Annäherung

Geschichte einer Annäherung – Alle Geschichten

Balduin Blatt betrat gutgelaunt das Tierheim. Endlich, nach so vielen Jahren des Bangens und Hoffens und Wartens, konnte er sich seinen größten Wunsch, einen eigenen Hund, erfüllen. Ausschlaggebend war, dass er nun als Autor den Sprung zu einem Verlagsvertrag geschafft hatte. Nicht nur, dass er sein erstes Buch in den Auslagen der Buchhandlungen vorfand, er hatte auch schon den Vertrag für einen weiteren in der Tasche und die Vorauszahlung auf dem Konto. Von nun an brauchte er sich keine Sorgen mehr machen und sich voll aufs Schreiben konzentrieren. Bisher musste er immer wieder minderbezahlte Jobs annehmen, um schlicht überleben zu können. Er könnte von nun an von zu Hause arbeiten und sich um den Hund so kümmern, wie er es verdient. Aber es sollte nicht irgendein Hund sein, sondern einer aus dem Tierheim. Auf die Frage was für einer, meinte er überzeugt, der Hund würde ihn finden.

So ging Balduin, begleitet von einer Tierheimmitarbeiterin mit Namen Valerie, die Käfige entlang, als er einen Hund bemerkte, der zunächst am Gitter gesessen hatte, aber sich bei ihrem Näherkommen in die hinterste Ecke seiner Unterbringung verzog. Balduin blieb stehen und sah das Knäuel an, das da im Winkel zitterte.
„Was ist mit ihm?“, fragte er schließlich Valerie, die eigentlich schon weitergehen wollte.
„Das ist schwierig“, antwortete sie, „Mimi, so haben wir sie genannt, weil sie so ängstlich ist, hat sich noch nie einem Menschen genähert. Es ist sicher nicht unmöglich, aber es wird schwierig, sie überhaupt dazu zu bringen, diesen schützenden Ort zu verlassen.“
„Mimi“, dachte Balduin, „Ich will es mit Dir probieren.“ Laut fügte er hinzu: „Können Sie mir ihre Geschichte erzählen?“
„So weit wir sie wissen, gerne“, stimmte Valerie zu, „Es war vor drei oder vier Monaten, da entdeckten sie ein Pärchen in einem halbverfallenen Haus, in das sie sich zu einem Schäferstündchen zurückziehen wollten. Zuerst hatten sie sie gar nicht gesehen, da sie in einer dunklen Ecke saß und zitterte und nachdem sie schwarz ist, schien sie mit ihrer Umwelt zu verschmelzen. Dennoch konnten sie Mimi aufheben, denn sie war schon viel zu geschwächt, um sich zu wehren. Der Tierarzt, zu dem sie die Kleine umgehend brachten, stellte fest, dass sie wohl geschlagen worden war und darüber hinaus war sie unterernährt und dehydriert. Die körperlichen Wunden zu heilen, das war nicht so schwer. Sie nahm auch von Anfang an das Essen an und so sieht man ihr von den Misshandlungen nichts mehr an, aber sie hat ungeheure Angst vor Menschen. Man braucht viel, sehr viel Geduld mit ihr. Meinen Sie, dass sie diese haben?“
Balduin dachte an sein bisheriges Leben, wie er sich durchgebissen hatte, bis sein Traum in Erfüllung ging. „Ja, Geduld habe ich und Durchhaltevermögen“, erklärte er überzeugt.
„Gut, dann können Sie Mimi haben, wenn sie freiwillig zu Ihnen kommt“, erklärte Valerie.
„Das ist fair“, stimmte Balduin zu. So verbrachte er eine Stunde vor dem Käfig, doch Mimi rührte sich nicht. Auch am nächsten Tag war es nicht anders und nicht am übernächsten. So ging es vier Wochen lang, doch es schien keine Besserung zu geben. Sollte er aufgeben? Hatte es überhaupt einen Sinn? Solche und ähnliche Fragen gingen ihm durch den Sinn, als er sich anschickte zu gehen, als er plötzlich ein Geräusch vernahm. Als er sich umdrehte, stand Mimi am Gitter und sah ihm nach, doch als sie bemerkte, dass er sie sah, verzog sie sich sofort wieder in ihre Ecke. „Sie war gekommen!“, dachte Balduin. Deshalb bat er sich aus, dass man die Käfigtüre aufmachte, wenn er da war. So verfuhr er die nächsten zwei Wochen. Er sprach mit ihr, leise, sanft und vertrauenserweckend. Mittlerweile hob sie bereits den Kopf, spitzte die Ohren, als würde sie ihm zuhören, doch noch immer näherte sie sich ihm nicht. In der siebenten Woche war es nun, dass er mutlos wurde. Er saß bei der geöffneten Türe und ließ den Kopf auf die Hände sinken, die er über den Knien gefaltet hatte. So sicher war er sich gewesen, doch nun war es ihm, als müsste er verzweifeln. Da spürte er plötzlich eine Hundeschnauze, die sich auf seinen Arm legte. Als er aufsah, trat sie zwar einen Schritt zurück, aber sie blieb. Vor lauter Freude wäre er ihr am liebsten um den Hals gefallen, doch er beherrschte sich. Als sie tatsächlich einige Zeit später mit ihm das Haus verließ und in seinem ein Zu Hause fand, war er sehr glücklich. Niemals, so nahm er sich vor, würde er das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, enttäuschen. Das hielt er durch, bis sie ihn für immer verließ.

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