„Wenn ein Tier behindert ist, egal welches, das unter der Obhut von Menschen steht, sollte man es sofort einschläfern“, sagte der illustre Herr, der sich offenbar zubilligte, entscheiden zu dürfen, wer leben und wer sterben sollte, zumindest bei Tieren. Auf die Nachfrage, warum man das denn tun sollte, antwortete er, mit gleichbleibender Präpotenz, „Weil diese Tiere sowieso nichts vom Leben haben, denn sie sind in ihren Lebensäußerungen eingeschränkt.“
„So wie unsere sog. Nutztiere?“, hakte ich nach.
„Das ist doch ganz etwas anderes“, erklärte er mir, „Denn die sind schließlich dafür da und die sind nicht behindert, sondern gesund. Sonst könnte man das den Konsumenten nicht zumuten.“
Eigentlich hätte ich ihn mal in eine Intensivtierhaltung mitnehmen sollen, den Mann der soviel zu wissen vorgibt, denn solche Entscheidungen über Gedeih und Verderb anderer Lebewesen dürfte man folgerichtig nur treffen dürfen, wenn man eben über das entsprechende Wissen verfügt. Ich entschied mich jedoch dafür, ihn zu einer Pflegestelle mitzunehmen, deren Betreiberin ausschließlich Hunde aufgenommen hatte, die in irgendeiner Weise körperlich beeinträchtigt sind.
Der Hof, auf dem die Dame mit ihren 18 Schützlingen lebt liegt inmitten einer grünen Idylle. Die Wiese und ein kleiner Wald gehören zum Anwesen dazu. Platz genug und auch die nötige Ruhe, denn die nächsten Nachbar*innen sind weit genug entfernt, dass sich niemand gestört fühlt.
„Was für ein herrliches Plätzchen Erde!“, bestätigte mir der Mann, „Eigentlich schade, dass es so verschwendet wird.“ Hatte ich mir etwas anderes erwartet? Eigentlich nicht, deshalb ging ich nicht darauf ein, sondern wollte die Eindrücke wirken lassen. Die Betreiberin empfing uns vor dem Tor, der zu einem kleinen Innenhof führte. Eine resolute, ältere Dame, der man ansah, dass sie sich mit Freude und Intensität für die Hunde einsetzte, die ihr anvertraut wurden. Teilweise waren sie verunglückt und abgegeben worden, teilweise von Geburt an in ihrer körperlichen Integrität eingeschränkt, doch alle hatten eines gemeinsam, sie wurden liebevoll gepflegt und umsorgt. Wir begrüßten einander und dann ging sie uns voran ins Haus. Sofort wurden wir von allen Seiten bestürmt, denn ihre Pflegetiere lieben die Abwechslung und Menschen, die auf Besuch kommen. Auch, wenn sie sich nicht auf allen Vieren fortbewegten, so waren sie flott und ungebremst unterwegs, Aufmerksamkeit einfordernd und mit Freude annehmend. Mein Begleiter kniete sich nieder, um die Hunde zu streicheln. Dazwischen liefen sie im Zimmer umher, um dann wiederzukommen. Ganz vertieft fand ich den Mann und ich entdeckte sogar ein Lächeln in seinem Gesicht.
„Und was meinen Sie? Sind Sie immer noch der Meinung, dass man diese Hunde sofort einschläfern lassen sollte, weil sie ja doch keine Lebensfreude haben?“, fragte ich nach.
„Ja, ich weiß, was Sie meinen“, sagte er sinnend, „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sie solch eine Lebensfreude haben. So viel Begeisterung und Bereitschaft alles zu machen, was sie zu machen imstande sind.“
„Sehen Sie, das ist genau das, was sie ausmachen“, ergänzte ich, „Sie jammern nicht über das, was sie nicht können, bekommen keine Depressionen, weil sie nicht so mobil sind oder auf sonst eine Weise eingeschränkt, sondern sie freuen sich über das, was sie können. Und ich meine, das machen sie nicht bewusst, sondern es geschieht. Ist das nicht wunderbar?“ Er gab mir recht, noch wir hinausgingen, nachdem wir geholfen hatten, sie in die Rollstühle zu schnallen. Das war erst schön zum Zusehen, wie sie hinausliefen, die Gegend erkundeten.
„Eigentlich ist kein Unterschied zu Hunden, die nicht behindert sind“, merkte der Mann unvermittelt an, „Aber ich denke trotzdem, dass es wenig effizient ist, so viel Geld und Zeit in Tiere zu investieren. Das wäre doch bei Gesunden viel besser angelegt.“
„Und warum genau wäre dies besser angelegt?“, hakte ich nach.
„Weil sie weniger brauchen. Da könnte man mehr helfen“, erklärte er, als einer der Kleinsten auf uns zurannte. Beinahe war es, als würde er lachen.
„Ich denke, jedes Leben ist es wert, dass man so viel Zeit und Geld investiert, wie notwendig ist, damit es ein angenehmes Leben führen kann“, sagte ich, während ich den Kleinen streichelte, „In einer Gesellschaft, in der wir nichts dabei finden, viele Millionen in tote, alte Bauwerke zu investieren, können wir ernsthaft verlangen, dass Lebewesen wegen dem bisschen, das sie brauchen, ermordet werden?“
„Ja, aber was ist mit der ganzen Arbeit, ich könnte das nicht“, erwiderte der Mann.
„Deshalb ist es desto wichtiger, dass es Menschen gibt, die es tun“, meinte ich, „Und diese Menschen können wir auch unterstützen, um ihnen die Möglichkeit geben, alles für die Hunde zu tun, was notwendig ist.“ Daraufhin fragte er nach der Kontonummer, so dass er nun regelmäßig spenden konnte.
„Ich hoffe, diese wunderbaren Wesen dürfen hier leben bis zu ihrem Tod“, meinte er sein Vorgehen erklären zu müssen, „Auch wenn ich selbst nicht mithelfen kann, so will ich doch auch meinen Beitrag leisten.“
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