Rosalinde Rübenwurz war eine Hühnerbäuerin, wie es noch so manch andere in unserem Land gibt. Immer weniger zwar, aber es gibt sie noch. Umso mehr schließen müssen, desto mehr konnte sie verkaufen, war sie überzeugt. Zumal, seit es modern war, Fleisch von glücklichen Hühnern aus Österreich zu kaufen. Da hatten die Tierschützer schon ganz schön was in Bewegung gebracht. Seitdem behaupteten alle immer, sie würden nur mehr das Fleisch von den Tieren essen, die der Nachbar am Hof hielt und die glücklich und lustig auf der Weide herumtobten. Auch von ihren Hühnern wurde das gesagt. Daran war sie nicht unschuldig, denn auf ihrer Homepage sah man tatsächlich Hühner, die auf der Wiese standen. Es musste ja niemand wissen, dass die damals extra hergekarrt und hinausgesetzt wurden, um die hübschen Bildchen für die Homepage zu machen. Die Menschen sahen diese und fragten nicht mehr nach. Sie glaubten es einfach, weil sie es glauben wollten.
Die Wahrheit war, dass Rosalindes Betrieb einen ganz normalen Maststall innehatte. Sie holte die Kleinen von der Brüterei, setzte sie hinein, schloss das Tor und kümmerte sich nicht mehr viel darum, denn gefüttert und getränkt wurde automatisch. Ab und an ging sie hinein, um die Toten auszusortieren, die, die nicht schnell genug wuchsen, um das Futter und das Wasser zu erreichen, denn die Vorrichtungen wurden immer weiter nach oben gezogen, angepasst an das durchschnittliche Wachstum. Wer unterdurchschnittlich entwickelt war, hatte gar kein Recht zu überleben. So grausam war die Natur. Das zumindest war Rosalinde immer von Vater und Großvater erzählt worden. Sie nahm es hin, weil sie es nicht anders kannte. Eigentlich wollte sie den Hof gar nicht übernehmen, aber ihre Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Da war Rosalinde gerade mal 18 Jahre alt gewesen. Also musste sie wohl oder übel weitermachen. Dann heiratete sie einen Bauern, weil es passte. Die Geschäfte liefen gut und sie konnten Grund aufkaufen, Grund von anderen Landwirt*innen, die dem Druck nicht mehr standgehalten hatten. Niemals wäre Rosalinde auf die Idee gekommen, ihr Tun zu hinterfragen. Warum auch? So war es seit Generationen gehandhabt worden. Das konnte doch nicht plötzlich falsch sein. Eines Tages jedoch, wurde sie jedoch dazu gezwungen.
Es war an dem Tag, an dem die neuen Küken ankamen. Rasch brachte man sie in den Stall und schloss das Tor. Natürlich kam es ab und zu vor, dass ein oder mehr Küken verloren gingen, doch das war eben Ausschuss. Zumeist wurden sie kurz darauf überfahren. Doch an diesem Abend konnte Rosalinde etwas sehr Seltsames beobachten. Ein Piepsen war im Hof zu vernehmen, das sehr verzweifelt klang. Rosalinde sah sich um, konnte aber kein gelbes Flauschbällchen ausmachen, zu dem das Geräusch gepasst hätte. Ihr Berner Sennenhund, der bis jetzt in der Sonne gelegen hatte, erhob sich gemächlich und ging zu dem Ort, an dem er das Geräusch ausgenommen hatte. Eine Schüssel lag dort, auf den Kopf gestellt, Vorsichtig hob der Hund diese mit seinem mächtigen Kopf an und heraus flatterte ein Küken. „Das wird er wohl fressen, der Bruno“, dachte Rosalinde automatisch, doch er tat nichts Dergleichen. Vielmehr legte er sich zu dem Baby und beobachtete es. Als des Dunkel wurde, nahm er es ganz sanft ins Maul und trug es mit auf seinen Schlafplatz. Dort rollte sich das Kleine ein, wohlbehütet und gewärmt. Jeden Tag konnte man das ungleiche Paar nun im Hof sehen. Das Küken wuchs rasch zu einem Huhn heran, aber die beiden blieben Freundinnen. Je öfter sie das Treiben des ungleichen Paares beobachtete, desto mehr wurde ihr bewusst, dass dieses Huhn auch nichts weiter wollte, als sein Leben zu leben, auch wenn es nur aus Picken und Scharren und Schlafen bestand. Manchmal lief es auch zu Rosalinde und blieb, bis es gestreichelt wurde. Es freute sich richtig darauf, die Bäuerin zu sehen. Und was war mit all den anderen Hühnern, die im Stall vor sich hinwuchsen, nie die Sonne sahen und nie wirklich Huhn sein durften, fragte sie sich immer öfter. Zum ersten Mal gestand sie sich ein, dass es sich hierbei um fühlende Lebewesen handelte, so wie Bruno oder ihr Mann oder sie. An diesem Abend, beim Essen, sagte sie deshalb zu ihrem Angetrauten: „Ich kann das nicht länger machen!“
„Das freut mich. Ich auch nicht“, erklärte er.
„Weißt Du, was ich meine?“, fragte sie.
„Ja, die Hühner“, meinte er, als gäbe es keine Alternative.
„Und was machen wir dann?“, wollte sie wissen.
„Wir bauen Gemüse an“, erwiderte er.
Und so machten sie es. Als sie am Feldrand standen, die Früchte ihrer Arbeit begutachtend, wusste Rosalinde nicht mehr, wie sie es so lange machen konnte, ohne auch nur einen Gedanken an diese Tiere zu verschwenden. Es war letztlich egal, denn es ging ihr viel besser. Bruno und sein Huhn lagen neben ihnen. So war es richtig, nur so, war Rosalinde nun überzeugt.

