Auf der Autobahn zu fahren wird immer mehr zur Zerreißprobe. Einerseits komme ich natürlich schneller voran. Andererseits fahre ich immer wieder an diesen schrecklichen Tiertransportern vorbei. Am erschreckendsten ist allerdings, dass es außer mir niemand zu sehen scheint. Die Menschen überholen und alles was ihnen auffällt ist, dass es sich um einen Lastwagen handelt, mehr nicht. Und ich frage mich, wann das endlich aufhört, dass diese hilflosen Geschöpfe bei jedem Wetter durch die Gegend gekarrt werden, manche von ihnen tausende Kilometer weit. Niemand scheint sie wahrzunehmen, diese sehnsuchtsvollen, ja hoffnungsfrohen Augen, die zwischen den Spalten hervorsehen.
Heute ist es wieder so weit. Ein Transporter fährt. Am Heck sehe ich eine Zeichnung. Ein glückliches Schwein und eine ebenso frohe Kuh sind dort aufgemalt, auf einem Transporter, auf dem genau diese Tiere nicht glücklich sind, sondern leiden. Wohin geht es? Was haben sie mit uns vor? Irgendwie scheinen sie zu wissen, dass es nichts Gutes ist. Dennoch versuchen sie zu verstehen und auf das Beste zu hoffen.
Ich überlege, was ich tun soll, denn ich möchte gerne wissen, wohin er fährt, was mit den Tieren passiert. Eigentlich soll ich zu meiner Schwiegermutter fahren, denn das habe ich versprochen und ist auch der Grund, warum ich mich überhaupt hier auf der Autobahn in meinem Auto – was gewisse Vorteile hat – befinde. Doch jetzt sehe ich eine Aufgabe. Ich habe es zwar versprochen, meinem Mann, also ihrem Sohn, aber was soll ich machen, wenn mir so etwas in die Quere kommt. Es tut mir unheimlich leid, da muss ich jetzt folgen. Zunächst setze ich zum Überholen an, um zu sehen, welche Tiere sich in dem Transporter befinden. Es handelt sich um Rinder. Ich lasse mich zurückfallen und fahre hinter dem Lastwagen her. Ob das ein Problem ist, wenn der Fahrer es bemerkt, dass er verfolgt wird? Da sehe ich, dass sich hinter mir eine Schlange bildet. Nicht nur hinter mir, sondern auch neben dem großen Fahrzeug befinden sich Autos, die wie eine Eskorte wirken. Und zuletzt fahren auch davor welche, so dass er keine Chance hat, auf irgendeine Seite auszuweichen. Ich finde es spannend, was da passiert, auch wenn ich es nicht verstehe. Doch dann passiert das tatsächlich unglaubliche.
Bei der nächsten Ausfahrt wird der fahrende Koloss von der Autobahn gelotst. Er muss den Autos vor ihm folgen, will er nicht große Schäden verursachen. Ich reihe mich hinter ihm ein und folge ebenfalls, ohne die geringste Ahnung zu haben, wo ich mich befinde, aber das spielt auch gerade keine Rolle. Nach einigen Kilometern Freilandstraße, hält der Konvoi an. Alle lassen die Autos einfach stehen und steigen aus. Es kommt mir vor, als würden diese Menschen genau wissen, was sie tun. Einer öffnet ein Gatter, das zu einer großen Wiese führt. Der LKW-Fahrer wird aufgefordert, auf die Wiese zu fahren. Er folgt der Aufforderung, wenn auch nicht ohne Widerspruch. Er faselt etwas vonwegen, er tue ja nur seine Arbeit und er müsse jetzt weiterfahren und was passiere mit den armen Tieren. Damit liefert er den Menschen um ihn ein Stichwort. Der großgewachsene hühnenhafte Mann, der ihn anwies auf die Wiese zu fahren, erklärt ihm, dass er nun die Tiere auf die Weide ließe. Der Fahrer, der zwar auch nicht gerade schmächtig wirkt, wagt nicht zu widersprechen, als wenn er sich nun endgültig in sein Schicksal füge. Daraufhin wird die Ladeklappe geöffnet. Verängstigte große Augen blicken misstrauisch hinaus. „Schlimm ist das“, denke ich, als ich sie nun tatsächlich sehe, die Verletzungen an den Gelenken, die Köpfe ohne Hörner, doch ihre Befreier zeigen sich geduldig. Endlich wagt eine einen Vorstoß und geht langsam die Rampe hinunter, zaghaft, bedächtig. Erst als dieses die Wiese betritt, folgen die anderen. Wie auf ein geheimes Zeichen, toben plötzlich alle über das Gras. Das Herz geht mir auf, bei diesem Anblick. Diese überbordende Lebensfreude. Egal was vorher war, jetzt wird alles gut, scheinen sie zu glauben. „Denen wird nichts mehr passieren“, meint der Mann, der offenbar der Wortführer ist, „Dafür werden wir sorgen.“ „Und wie wollt ihr das machen?“, frage ich irritiert. „Wir kaufen die Rinder, um den selben Preis, den die Bauern vom Schlachter bekommen“, erklärt er. „Und die Wiese?“, will ich nun wissen. „Die gehört mir“, erklärt er, „Ich war auch einmal Rindermäster. Bis ich es nicht mehr aushielt.“ „Jetzt bist Du ein Entführer, ein Robin Hood der Rinder“, versuche ich witzig zu sein. „Ich denke, ich gebe diesen wunderbaren Geschöpfen sowieso zusteht, ein Leben“, meint er. „Du hast recht, es ist wunderschön“, höre ich mich noch sagen. Dann halte ich den Wagen an. Natürlich bin ich zur Schwiegermutter gefahren. Alles andere ist nur ein Traum. Der LKW bringt die Tiere in ihr Verderben und niemand macht etwas dagegen, auch ich nicht. Bloß, dass ich kein Fleisch esse, aber ist das genug?

