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Life is too short for boring stories

Alles begann an dem Tag, an dem das Internet nicht funktionierte. Zunächst war es, als wäre nichts passiert. Man muss dazu sagen, dass es nicht gleich in der Früh dazu kam, die Menschen also noch keine Ahnung hatten, was auf sie zukommen sollte und damit zufrieden waren zwischen Toilette und Morgenkaffee ihre elektronischen Briefe und die Nachrichten lesen zu können. Selbst zu Mittag war noch keine Spur von der sich abzeichnenden Katastrophe zu merken. Erst am frühen Nachmittag – je nach Auslegung -, präzise 15.15 Uhr war es dann so weit und die Erkenntnis unausweichlich, zumindest für jene, die ständig online waren und im Minutentakt die neuesten Nachrichten kontrollierten.

Lukas merkte es erst um 17.15 Uhr. Bis dahin hatte er zwar an seinem Computer gearbeitet, doch für seine Übersetzungstätigkeit war er nicht auf eine Verbindung zum Netz angewiesen. Ganz im Gegenteil, um sich wirklich 100%ig auf seine Arbeit konzentrieren zu können, schaltete er es bisweilen sogar ab, so dass er durch keine ankommenden Nachrichten gestört werden konnte. Erst als er um 17.12 Uhr seine Nachrichten, die er wohl in der Zwischenzeit versäumt haben musste, abrufen wollte, merkte er, dass es nicht möglich war. Nachdem er alles, was ihm einfiel, ausprobiert hatte, um die Verbindung wieder herzustellen, dachte er daran, das Haus zu verlassen. Online war kein Mensch erreichbar bzw. konnte ihn niemand erreichen. Ob es Menschen gab, die da waren, einfach da? Er war die letzten Monate nur draußen gewesen, um spazieren zu gehen. Ansonsten war er jedem Menschen aus dem Weg gegangen, wodurch er davon überzeugt war, dass auch sie ihm aus dem Weg gehen würden.

Vor drei Monaten waren seine Eltern überraschend verstorben und seine Schwester hatte ihn gebeten, dass er sich um das Haus kümmerte, denn sie befand sich gerade auf einem längeren, geschäftlichen Aufenthalt im Ausland, so dass alles an ihm hängenblieb. Die Beerdigung und eben die Sache mit dem Haus, was noch schwieriger war als ersteres, denn darum kümmerte sich eine Agentur. Doch an einen Ort zu gehen, an dem Menschen gewohnt hatten, denen er durch Blutsbande verbunden war, die er jedoch seit zwanzig Jahren weder gesehen noch gesprochen hatte, war eine andere Sache.

Zwanzig Jahre war es her, dass er seinem Vater verkündet hatte, dass er den Familienbetrieb nicht übernehmen würde, woraufhin ihn der Haushaltsvorstand mit Schimpf und Schande davongejagt hatte. Der Einwand, dass doch seine Schwester dafür sowieso viel geeigneter wäre, ließ er nicht gelten. „Das kann doch nicht Dein Ernst sein, eine Frau an der Spitze eines Unternehmens, noch dazu einer Schlosserei, zu setzen“, hatte der Vater mit Ingrimm gemeint, „Dazu braucht eines ganzen Kerls. Und dann setze ich einen Sohn in die Welt. Und was ist der? Ein intellektuelles Weichei. Entweder lässt Du Deine Pläne mit der Schreiberei fallen oder Du bist nicht mehr länger mein Sohn.“ Das waren die letzten Worte, die Lukas aus dem Mund seines Vaters gehört hatte. Ihm war, als hatte er ein leises Schluchzen aus der Küche gehört, als er die Türe zuzog, die er nie wieder öffnen sollte. „Mutter!“, war es ihm noch durch den Kopf gegangen. Kurz hatte er innegehalten. Sollte er doch nicht so hart sein, um ihretwillen? Aber nein, wenn ihr an ihm gelegen wäre, würde sie sich auf seine Seite stellen. Würde sie? Hätte sie denn die Kraft, die, sich gegen den Vater zu behaupten? Immer hatte sie getan, was er wollte. Bis zum Schluss. Kurze Zeit später waren sie umgezogen. Während Lukas eine kleine Wohnung in der Stadt mietete, verlegten seine Eltern ihren Lebensmittelpunkt in einen kleinen, idyllischen Ort, in dem sie sich ein ebenso malerisches Häuschen kauften. Einige Jahre später musste auch noch ein Hund angeschafft werden. Zwanzig Jahre waren vergangen, als seine Schwester ihn anrief und aufforderte, sich um alles zu kümmern. Ein fremdes Haus hatte er bezogen, das er zu gleichen Teilen mit seiner Schwester geerbt hatte, so wie die Firma und den Hund. Jetzt saß er seit einigen Wochen in dem Haus, in dem die Menschen gelebt hatten, die seine Eltern, aber doch Fremde waren. Und der kleine, schwarze Hund war verängstigt unter dem Tisch gelegen. Lukas hatte versucht, dem Kleinen, den seine Mutter, wie ihm gesagt worden war, Rolf getauft hatte, mit Verachtung zu begegnen. Doch dann hatte er diese dunklen Augen gesehen, die so voller Angst waren, dass er sich letztendlich neben ihn auf den Boden gesetzt hatte. „Du kannst nichts dafür, Du am allerwenigsten“, hatte sich Lukas eingestanden. Er hatte nichts getan, als dort zu sitzen, bis der Hund begann Vertrauen zu fassen und langsam auf ihn zu gerobbt war, zuletzt seinen Kopf vertrauensvoll in seine Hand gelegt hatte. „Ein guter Grund zu bleiben“, hatte er zu Rolf gesagt, „Bleiben, auch wenn das Haus viel zu groß für mich ist, aber ich könnte die Wohnung aufgeben, die Miete sparen und die Firma meiner Schwester überlassen, das Haus behalten und auf Dich achtgeben!“ Und zum ersten Mal hatte er daran gedacht, dass es schon seltsam war, dass seine Eltern, beide, innerhalb weniger Stunden, einem Herzstillstand erlegen waren.

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