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Life is too short for boring stories

„Was soll ich nur tun?“, grübelte Viola Vandenbrück, während sie an ihrem Tee nippte, den ihr ihr Butler wohlweislich serviert hatte. Er kannte diese Stimmungen der Dame des Hauses und wusste ihnen zu begegnen. Doch in diesem Fall, wirkte noch nicht einmal das altbewährte Heißgetränk. „Schuld an dieser Misere ist nur diese Neue, diese Möchte-Gern-Dame“, ging es Viola durch den Kopf, „Seit sie in unserer Runde ist, geht alles schief.“

Bei dieser Damenrunde handelte es sich um sechs Frauen der gehobenen Gesellschaft, die sich einmal im Monat zu Kaffee und Kuchen trafen, um ihr wohltätiges Wirken für die nächsten Wochen zu besprechen. Allesamt Gattinnen von wirtschaftlich und gesellschaftlich wohlsituierten Herren, fielen ihnen die Repräsentationsaufgaben zu. Dabei war es selbstverständlich, ja beinahe unumgänglich, sich mit Wohltaten zu schmücken, vor allem gegenüber Kindern und kleinen, süßen Tierchen. Nichts Hässliches oder gar Verstörendes, nur die hübschen Seiten des Elends. Dafür veranstalteten sie Benefizabende, Spendendiners u.v.m. Das waren Lorbeeren, mit denen man es sich wunderbar schmücken ließ und die Angetrauten firmieren konnten, denn wohltätiges Engagement trug zur Reputation bei. „Was sind wir doch für gute Menschen!“, wurde damit unmissverständlich klar gemacht, „Wir investieren so viel Zeit und Geld für diese armen Wesen.“ Das taten sie durchaus und es gab daran auch nichts zu bemängeln.

Bisher bestand die Runde aus sechs Damen, die dieses Geschäft der guten Taten schon seit Jahren betrieben. „Sechs, das war optimal gewesen“, dachte Viola weiter, „Jede von uns kam zwei Mal im Jahr dran, alle sechs Monate. Ihre waren der Januar und der Juli, jedes Jahr derselbe Termin, am dritten Mittwoch im Monat, aber jetzt sind wir sieben und damit verschiebt sich alles um einen Monat. Man muss ja da richtig zum Rechnen anfangen.“ Viola war auch dagegen gewesen, Marlene Marimare in ihren illustren Kreis aufzunehmen. Doch sie hatte keine Wahl gehabt, denn schließlich war Marlenes Mann zu einem der wichtigsten Klienten von Violas Gatten, seines Zeichens Wirtschaftsprüfer, avanciert. Da half kein Bitten und kein Betteln, Klienten, dazu noch so zahlungskräftige, stößt man nicht vor den Kopf, nachdem Marlene eindringlich darum gebeten hatte, auch wohltätig sein zu dürfen. „Ich meine, für einen Emporkömmling, der man ihre proletarische Herkunft ansieht, war sie nicht so übel“, musste Viola nun doch eingestehen. Aber all das wäre nicht so schlimm gewesen, denn Marlene erwies sich als ausgesprochen engagiert und kreativ. Wäre da nicht die Sache mit den Kaffeerunden gewesen.

Viola hatte, wie immer, im Januar zu dieser geladen und Kaffee und Kuchen gereicht. Marlene hatte darauf bestanden, den Februartermin zu übernehmen, doch statt sich an das Protokoll zu halten, wie es sich gehört hätte, reichte diese noch zusätzlich Champagner. Das war einfach nicht vorgesehen. Viola hatte noch gedacht, das wäre ein einmaliger Ausrutscher gewesen und im nächsten Monat wäre alles wieder wie immer, doch da hatte sie sich geirrt. Friederike, Freifrau von Frühersfeld, fühlte sich verpflichtet, nebst obligatorischen Kaffee und Kuchen, besagtem Champagner, noch Brötchen zu reichen. „Aber nun ist es genug“, war Viola überzeugt, doch es sollte noch schlimmer kommen. Im April wurde das Buffet noch durch Kaviar getoppt. Es war, als wäre es zu einem unausgesprochenen Wettkampf ausgeartet, wer noch mehr kredenzen konnte. Nun war es Juli und Viola war verzweifelt. Wie sollte sie all die Gustostückchen noch überbieten? Von Tag zu Tag wurde sie nervöser und fahriger, bis sie zuletzt einfach aufgab.

Als die Damen an jenem dritten Mittwoch im Juli erschienen, erwartete sie eine Überraschung. Verstohlen beäugte Viola jede einzelne von ihnen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass Enttäuschung in den Mienen zu lesen sein würde, doch das Gegenteil war der Fall. Es war pure Erleichterung, die sie erkennen konnte, bis es Friederike endlich aussprach: „Ich bin so froh, dass es diesmal wieder Kaffee und Kuchen gibt. Ich hätte wirklich nicht mehr gewusst, was ich noch zusätzlich machen sollte.“ Damit erntete sie regen Beifall. Wieder zurück bei den Ursprüngen, würden es auch die anderen wieder wagen können, lapidar Kaffee und Kuchen zu reichen. „Wie konnte es eigentlich so weit kommen?“, fragte Viola in die Runde. Beinahe augenblicklich richteten sich aller Augen auf die unglückliche Marlene, die mit ihrer Champagnerbeigabe diesen Wettbewerb begonnen hatte. „Ich habe es mittlerweile begriffen, dass ich schuld bin“, gab sie auch unumwunden zu, „Aber ich hatte an diesem Tag Geburtstag. Deshalb dachte ich, es wäre angebracht. Dass ich damit sowas auslöse, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Das war übrigens auch der Grund, warum ich mich damals vordrängte, obwohl ich erst seit Kurzem in der Runde bin.“ „Warum hast Du nichts gesagt?“, entgegnete Viola brüsk. „Und warum haben wir nicht nachgefragt“, fügte Friederike hinzu, „Es wäre so einfach gewesen.“

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